29. Dezember 1992

A81 durch den Thüringer Wald – Aufschwung Ost mit der Brechstange?!

Eine wichtige Aussage aus einer 1983 vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebenen Studie lautet: "Entwicklung von Gewerbe und Industrie in strukturschwachen Räumen läßt sich nicht über den Straßenbau initiieren."
Bereits jetzt sprechen einige Indizien dafür, daß in Thüringen auch ohne den umstrittenen Fernstraßenbau eine positive Strukturentwicklung beginnt. So sind bereits jetzt schon zahlreiche Gewerbegebiete mit Investoren belegt, die Zahl der Kommunen, welche ausschließlich am staatlichen Fördertropf hängen, wird sich in absehbarer Zeit verringern. Desweiteren registrieren Fremdenverkehrsverbände für die diesjährige Saison besonders im Bereich des Thüringer Waldes wider Erwarten viele Buchungen.
Vielen Landes-und Kommunalpolitikern scheinen diese Signale aber nichts zu bedeuten. Sie halten mit Standhaftigkeit an ihrer Auffassung fest, daß nur eine Autobahn einen wirtschaftlichen Aufschwung bringe. Mit Begriffen wie "kleine Autobahn" oder "Waldautobahn" wird der Öffentlichkeit ein umweltverträgliches Projekt vorgegaukelt. Die Begrenzung der Entwurfsgeschwindigkeit auf 100 km/h im Bereich des Thüringer Waldes feiert die Landesregierung als einen Akt ihrer ökologischen Kompromißbereitschaft. In Wirklichkeit aber erzwangen die topographisch schwierigen Bedingungen dieses Zugeständnis.

Neue Verkehrsströme durch Thüringen

Die Argumentation der Befürworter geht meist von der absurden Annahme aus, daß das Verkehrsprojekt "Deutsche Einheit, Nr. 16" einen spürbaren Entlastungseffekt auf den jetzigen Straßen mit sich bringt. Dagegen sprechen eindeutig die offiziellen und auch unabhängigen Verkehrszählungen. Danach ist derzeit der Verkehr auf den Straßen Thüringens zu mehr als 80 % dem regionalen Ziel-, Quell-und Binnenverkehr zuzuordnen. Als Transitachsen kommen lediglich die A 4 (Frankfurt/Dresden) und die A 9 (Nürnberg/Berlin) in Betracht. Die neu geplanten Trassen zwischen Schweinfurt bzw. Bamberg und Erfurt werden aller Voraussicht eine enorme Anziehungskraft für Transitverkehrsströme eines großen Einzugsbereiches ausüben. Diese Entwicklung ist verkehrspolitisch geradezu programmiert, was durch die Prognosen zum zukünftigen Verkehrsaufkommen (Broschüre des BMV) klar verdeutlicht wird.

Schwerwiegende Folgen für Mensch und Natur

Auf Grund bestehender Siedlungs-und Geländestrukturen werden im Trassenverlauf auf Thüringer Seite wenigstens 40 Gemeinden unmittelbar von der A 81 betroffen sein. In mehreren Fällen wird sich die Autobahn bis auf wenige hundert Meter den Wohnbereichen nähern. Die damit verbundene Lärm-und Abgasbelastung führt damit zwangsläufig zu einer drastischen Verschlechterung der Lebensqualität von vielen tausend Anwohnern.
Projektbegleitende Infrastrukturmaßnahmen führen bereits jetzt schon zu spürbaren Eingriffen in den Naturhaushalt bisher verschonter Regionen. Zahlreiche Steinbruchbetreiber erheben allein im Kreis Meiningen Flächenansprüche von insgesamt 400 ha. So soll nach jüngsten Informationen der Große Gleichberg, inmitten eines neu ausgewiesenen Naturschutzgebietes gelegen, dem Bau der A81 geopfert werden.
Thüringen ist das vom Waldsterben am stärksten betroffene Bundesland in Deutschland. Die offiziellen Statistiken ergeben ein niederschmetterndes Bild. 54% aller Bäume waren 1992 mittelstark bis stark geschädigt. Bei der Buche konnten nur noch 3 von 100 Altbäumen als gesund eingestuft werden. Als Gipfel der Irritation ist in diesem Zusammenhang die Reaktion von Landwirtschaftsminister Sklenar zu bewerten. Dieser glaubt tatsächlich an eine spürbare Schadstoffentlastung durch eine Autobahn im Thüringer Wald und damit als ein Mittel gegen das Waldsterben.

Bürger erkennen die Gefahr

Die Autobahnpläne der Bundesregierung stoßen in Thüringen keineswegs auf ungeteilte Zustimmung. In einigen Gemeinden (z.B. im Landkreis Meiningen drei Gemeinden: Queienfeld, Ritschenhausen, Sülzfeld) liegen Beschlüsse gegen die A81 vor, entsprechende Petitionen wurden nach Bonn weitergeleitet. 24 000 Bürgerinnen und Bürger aus Thüringen und Franken haben sich mit ihrer Unterschrift gegen das Verkehrsprojekt "Deutsche Einnheit - Nr. 16" und für die Sanierung des vorhandenen Straßennetzes, den Ausbau vorhandener Bundesstraßen und für Ortsumgehungen für besonders belastete Gemeinden ausgesprochen. Außerdem sprechen sie sich für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs und die Elektrifizierung und den zweigleisigen Ausbau der Eisenbahnlinie Würzburg-Erfurt aus.
Unsere Erfahrungen zeigen aber auch, daß ein Großteil der Menschen den staatlichen Planungen ohnmächtig gegenübersteht, auch wenn es gegen ihre eigenen Interessen geht. Deshalb betrachten wir es als unsere Aufgabe, die Bürger zum entschlossenen Widerstand zu mobilisieren, weil es um nicht weniger geht, als um die Wahrung demokratischer, im Grundgesetz verankerter, Elementarrechte.

Wertvolle Naturräume Thüringens durch weitere Großprojekte bedroht

Neben der A81 sollen in Thüringen drei weitere Autobahnen neu gebaut werden. Dazu zählen die A82 (Südharzautobahn), die A44 (Kassel/Eisenach) und die A73 (Bamberg/Suhl). Mit ebenfalls verheerenden ökologischen Folgen ist beim Bau der ICE-Neubaustrecke Lichtenfels/Erfurt, quer durch den Thüringer Wald, zu rechnen.
Ein gigantisches Pumpspeicherwerk westlich von Neuhaus am Rennweg sowie die Talsperre Leibis mit der höchsten Staumauer Deutschlands, beide im Thüringer Schiefergebirge gelegen, sind weitere Beispiele im Verbund der Superlation der Naturzerstörung. Beiliegende Karte veranschaulicht die Lage dieser Projekte. Dabei wird deutlich, wie hemmungslos Naturräume mit gesetzlichem Schutzstatus der Industrialisierung geopfert werden sollen.

9. Dezember 1992

"Töpfer und Rau peitschen bundesweit Müllverbrennung durch" - NRW will TA Siedlungsabfall am Freitag im Bundesrat beschließen - BUND kritisiert "Schweinsgalopp zur Freude der Verbrennungslobby"

Eisenach. Obwohl die Beratungen in den Ausschüssen des Bundesrates noch nicht abgeschlossen sind und aus Sicht des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) noch "gravierende inhaltliche Mängel" bestehen, soll der Bundesrat auf seiner letzten Sitzung in diesem Jahr am Freitag nach dem Willen Nordrhein-Westfalens die umstrittene Technische Anleitung (TA) Siedlungsabfall verabschieden. "Damit machen sich Rau und Matthiesen im Verein mit der Bundesregierung zum Büttel der Müllverbrennungs-Lobby", erklärte der BUND-Geschäftsführer, Onno Poppinga, am Donnerstag in Bonn.

Hauptkritikpunkt des BUND an der TA Siedlungsabfall ist die dort vorgesehene Festschreibung der Müllverbrennung als einziges zugelassenes Verfahren zur Behandlung des Restmülls - ohne vorherige Verbrennung dürfe dann kein Abfall mehr auf einer Deponie abgelagert werden. Umweltfreundlichere Alternativen wie die biologisch-mechanische Vorbehandlung würden damit unmöglich gemacht. "Damit werden die Kommunen zwangsweise auf Verbrennungskurs gebracht: Mehr als 50 neue Müllverbrennungsanlagen müßten gebaut werden, die Menge des zu verbrennenden Mülls würde mehr als verdoppelt", sagte Poppinga.

Obwohl die finanziellen Auswirkungen diese "Zwangs zur Großinvestition in die Müllverbrennung" auf die Länder, Kommunen und privaten Haushalte im Finanzausschuß des Bundesrates noch nicht abschließend geklärt werden konnten, wolle nun das Land Nordrhein-Westfalen die Regelung "im Schweinsgalopp durchpeitschen". Ministerpräsident Rau und sein "pyromanischer Umweltminister Matthiesen" müßten sich angesichts dieses Verhaltens fragen lassen, ob sie die Interessen der Hersteller von Müllverbrennungsanlagen höher bewerten als die Interessen der Menschen und die Belange der Umwelt, meinte Poppinga.

9. Dezember 1992

BUND – Umwelttips zum Weihnachtsfest

Vom Gabentisch direkt in die Mülltonne – die weihnachtlichen Geschenkverpackungen und der "Ex-und-Hopp-Glitterschmuck" für den Tannenbaum vergrößern jedes Jahr den Abfallberg und belasten die Umwelt mit gefährlichen Stoffen. Der Bund für Umwelt-und Naturschutz, Landesverband Thüringen e. V. (BUND) appelliert daher an die Feiernden und Schenkenden, auch Weihnachten an die Umwelt zu denken und präsentiert fünf Ökotips:

  1. Sie machen der Umwelt eine Freude, wenn Sie beim Geschenkkauf darauf achten, langlebige und reparaturfähige Präsente zu kaufen, die zudem möglichst umweltschonend hergestellt sein sollten. Das Elektroauto, das nur mit Batterien fährt, das Plastikspielzeug, das den zweiten Weihnachtstag nicht übersteht – all das hat unter einem "grünen" Weihnachtsbaum nichts zu suchen. Achten Sie darauf, daß Kinderspielzeug nicht aus Weich-PVC besteht. Gelangen die Weichmacher in den Körper, schädigen sie Leber und Nieren. Besser sind z.B. Holzspielsachen – aber bitte nicht aus tropischem Regenwaldholz! Grundsätzlich gilt: Bei Spielwaren immer nach den Inhaltsstoffen fragen!
  2. Wie wär's mit einer Gabe, die nicht nur den Beschenkten freut, sondern auch die Umwelt schont? Etwa der energiesparende Dampfkochtopf oder der Federhalter zum Nachfüllen, der die Wegwerf-Kulis ersetzt? Und meiden Sie aufgemotzte Weihnachts-Sets, wo aufwendige Verpackungen den dürftigen Inhalt kaschieren sollen...
  3. Apropos Verpackungen: Geht's nicht vielleicht auch ohne? Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher verzichten zugunsten der Umwelt auf den schönen Schein aufwendiger Verpackungen. Machen Sie mit, es lohnt sich! So hat zum Beispiel die Stadt Bonn ausgerechnet, daß 12 Müllautos leer bleiben, wenn alle Bonner zu Weihnachten nur 100 g Verpackungen vermeiden. Für alle diejenigen, die nicht ganz auf' s Auspacken verzichten wollen, gilt die Devise: Einfälle statt Abfälle! Aus Stoffresten, bunten Tüchern, Altpapier oder gebrauchten Verpackungen, lassen sich effektvolle Hüllen fürs Präsent basteln. Und für Eilige und Nicht-Künstler gibt's Geschenkpapier aus recyceltem Altpapier.
  4. Für viele Menschen darf an den Festtagen Eines auf keinen Fall fehlen: der Weihnachtsbaum. Auch hier gilt das Motto: Natur statt Sondermüll! Kein Baum aus PVC, keine Nadelsprays (Wasser tut's auch!) und kein Schnee aus der Dose, und auch Lametta ist – wegen seines hohen Schwermetallgehaltes – bei umweltbewußten Weihnachtsfrauen und -männern out. Baumwollbänder oder unlackierter Holzschmuck sind eine ökologische Alternative. Und was den Baum selbst angeht: Die Weißtanne ist vom Aussterben bedroht und zu kostbar, um gefällt zu werden. Am besten kaufen Sie Fichten oder Kiefern, die bei Pflegearbeiten im Wald geschlagen werden  Weihnachtsbäume aus Plantagen sind oft stark mit Chemikalien aller Art behandelt. Sagen Sie Ihrem Händler, daß Sie keinen Baum wollen, der die Umwelt und die Weihnachtsstube vergiftet!
  5. Machen Sie der Umwelt ein Weihnachtsgeschenk – sie kann es gebrauchen. Unterstützen Sie Umweltorganisationen, wie den BUND mit Ihrer Spende – oder noch besser: Werden Sie Mitglied!
11. November 1992

Die Wälder Thüringens sterben! – Nur noch 16 von 100 Bäumen sind gesund

Eisenach. Dem grünen Herzen Deutschland drohe der Infarkt! Zu dieser Einschätzung kommt der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Thüringen e.V., anläßlich der Vorlage des Waldschadensberichts 1992 vom Thüringer Ministerium für Landwirtschaft und Forsten. Danach weisen 54% aller Bäume starke Schäden auf, 4% mehr als 1991, der Anteil gesunder Bäume sank auf klägliche 16%.

Als geradezu katastrophal sei die Entwicklung bei den vor wenigen Jahren noch als "schadstoffhart" geltenden Laubbaumarten Eiche und Buche zu bewerten. Letztere bereite, so der BUND, die größten Sorgen, da mittlerweile zwei von drei Bäumen schwer krank seien. "Man muß schon ein großer Optimist sein, um unseren Buchenwälder noch eine sichere Zukunft zu prophezeien", gibt Frank Henkel vom Landesvorstand zu bedenken, "das Waldsterben ist nicht mehr nur Phänomen der Mittelgebirge, sondern der Gesamtfläche."

Der Umweltverband begrüßt die 1992 deutlich gesteigerten Aufwendungen für die Maßnahmen der Walddüngung und standortgerechten Wiederaufforstung. Die Forstverwaltung könne allerdings zwar Schadensbegrenzung praktizieren, an den Ursachen des Waldsterbens aber nichts ändern. Die Wälder werde man nur dann retten können, wenn es zu einer drastischen Reduzierung der Luftschadstoffe käme. Hierbei hätten insbesondere die Ressorts Wirtschaft, Energie und Verkehr massiven Nachholbedarf.

Der Landesvorsitzende Ralf-Uwe Beck stellt klar: "Die Autoabgase sind erwiesenermaßen die größte Gefahr für das Leben unserer Wälder. Ich werfe Landwirtschaftsminister Sklenar doppelte Moral vor, wenn er behauptet, die geplanten Autobahnen durch den Thüringer Wald würden zur Schadstoffentlastung beitragen. Das Gegenteil wird der Fall sein; der Verkehr wird zunehmen."

Es gehe bei der Bekämpfung der Waldschäden nach Ansicht des BUND um klare Bekenntnisse zur Verkehrsvermeidung. Dazu gehöre der Verzicht auf Fernstraßenneubau, die Einführung eines generellen Tempolimits, sowie die schrittweise Erhöhung der Mineralölsteuer. Sei man allen Ernstes an der Genesung des vielzitierten "Grünen Herzens" von Deutschland interessiert, komme man um unpopuläre Maßnahmen nicht mehr herum, heißt es abschließend in der Presseerklärung des BUND.

7. November 1992

Nachplanzungen an der Werrabrücke

Der Bund für Umwelt-und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Landesverband Thüringen und Bürger der Stadt Creuzburg, haben am Samstag, dem 28.11.92, eine Nachpflanzungsaktion von 10 jungen Linden an der Werrabrücke bei Creuzburg durchgeführt.

Bei Bestandskontrollen am, 8. Juli und am 25. September waren mehrere Baumfrevel festgestellt worden. Die Kronen mehrerer junger Linden waren, so der BUND, mit roher Gewalt abgetrennt oder sogar mit der Axt durchtrennt worden. Beide Fälle wurden damals bei der Polizeiinspektion Eisenach zur Anzeige gebracht. Da die Täter noch nicht gestellt werden konnten, wird wieder das "Unternehmen Wirtschaft und Kunst – erweitert" die Kosten tragen müssen. Dies hatte im Herbst letzten Jahres in Zusammenwirken mit dem BUND, der Stadt Creuzburg und vielen Bürgerinnen und Bürgern die Bäume gepflanzt.

Das "Unternehmen Wirtschaft und Kunst – erweitert", Künstler, die gemeinsam mit einem hessischen Wirtschaftsunternehmen die Gesellschaft für die Natur sensibilisieren und ihr einen neuen, „erweiterten“ Wirtschaftsbegriff nahebringen wollen, plant weitere Pflanzaktionen an der B7. Begonnen hatte die Aktion mit der Pflanzung des „Baumkreuzes“ bei Ifta im Herbst 1990, die Pflanzungen auf dem „Plan“ in Creuzburg und an der Werrabrücke folgten ein Jahr später. Der nächste Pflanzort wird wahrscheinlich Gotha sein.

4. November 1992

"Ökologisch und verkehrspolitisch verantwortungslos!" - BUND-Thüringen kritisiert die geplante "Südharzautobahn" A 82

Eisenach. Als "verkehrspolitische Geisterfahrt" bezeichnet der Landesverband Thüringen des Bund für Umwelt- und Naturschutz e.V. (BUND) das Festhalten von Bundesverkehrsminister Günter Krause (CDU) an den Plänen zum Bau der "Südharzautobahn" von Göttingen nach Halle. Krause hatte am vergangenen Wochenende auf einer Bürgerversammlung im niedersächsischen Waake (Kreis Göttingen) angekündigt, er werde dem Bundestag die A 82 im Rahmen der heute beginnenden Beratungen zum Bundesverkehrswegeplan vorschlagen.

In einer heute veröffentlichten Presseerklärung kritisiert der BUND-Thüringen diese Ankündigung Krauses als "ökologisch und verkehrspolitisch unverantwortlich". Der BUND fordert die Abgeordneten des Deutschen Bundestages sowie die Regierungen der Länder Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen auf, sich den abenteuerlichen Plänen Krauses zu widersetzen, die einzigartige Landschaft zwischen Eichsfeld und Kyffhäuser der Straßenbaulobby zu opfern. Zur Bewältigung der ökologischen und verkehrspolitischen Herausforderungen der nächsten Jahre seien statt Tausender Kilometer neuer Autobahnen, moderne und intelligente Verkehrskonzepte vonnöten. Der Entwurf des Bundesverkehrswegeplanes sei eine "Mogelpackung", da er entgegen den Ankündigungen Krauses keineswegs dem umweltverträglicheren Verkehrsmittel Schiene den Vorrang gebe, sondern die Fortsetzung der "Straßenbaupolitik von vorgestern" sei.

Als "erschreckend" bezeichnet der Sprecher des "Arbeitskreises Verkehr" des BUND-Thüringen, Michael Spielmann, die beabsichtigten Änderungen des Planungsrechtes. Äußerungen Krauses in Waake, wonach die zum Teil langwierigen Zeiträume bei Planung und Bau neuer Verkehrswege durch eine weitere Einschränkung der, so Spielmann, "gesetzlich vorgeschriebenen und ökologisch gebotenen Standards bei Umweltverträglichkeitsprüfungen" verkürzt werden könnten, seien nichts als "dumpfer Populismus". Obschon diese Art des Umgangs mit komplizierten Zusammenhängen derzeit in der bundesdeutschen Politik modisch sei, ist nach Ansicht des BUND, "die hinter solchen Äußerungen des Bundesministers stehende intellektuelle Dürftigkeit und sein offensichtliches Unverständnis elementarster ökologischer Zusammenhänge dennoch erschütternd".

Scharf reagiert auch der Landesvorsitzende des BUND-Thüringen, Ralf-Uwe Beck, auf Äußerungen des Bundesverkehrsministers gegenüber niedersächsischen Gegnern der A 82. Krause hatte deren Kritik wegen mangelnder Bürgerbeteiligung bei zahlreichen Verkehrsprojekten mit dem Hinweis auf die "in Ostdeutschland gemachte Revolution vom Herbst 1989" zurückgewiesen. "Wir wissen nicht", so Beck, "was Herr Krause in den Jahren bis 1989 getan hat, als sich die Bürger der ehemaligen DDR ungeachtet privater und beruflicher Nachteile engagierten und damit die spätere Wende erst ermöglichten". Gleichwohl wisse man jedoch sehr genau "wie kaltschnäuzig bereits 1990 die in den neuen Bundesländern gerade erst erkämpften demokratischen Bürgerrechte durch das von Bundesverkehrsminister Krause initiierte Beschleunigungsgesetz eingeschränkt worden sind", heißt es in der Presseerklärung des BUND.

4. November 1992

Außenstellen des Landesverwaltungsamtes müssen bestehen bleiben

Eisenach. Die geplante Auflösung der vier Außenstellen des Thüringer Landesverwaltungsamtes per 31.12.1992, stößt beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, Landesverband Thüringen e.V., auf harten Widerspruch.

In einer Zeit, in der Verwaltungsstrukturen langsam zu funktionieren beginnen, könne Fachkompetenz mit Weisungsbefugnis nicht einfach wegrationalisiert werden, so der BUND. Die Aufteilung Thüringens in vier Planungsregionen erfordere zwingend die Beibehaltung der jetzigen Struktur der Landesverwaltung in den ohnehin personell unterbesetzten und damit total überlasteten Außenstellen. "Bei einer Zentralisierung der Arbeit in den Hauptsitz Weimar, wird der behördliche Umweltschutz zur juristischen Attrappe degradiert", so Landesvorsitzender Ralf-Uwe Beck. "Bearbeitungszeiten verzögern sich ins Uferlose und Probleme in den "Randregionen" drohen überhaupt nicht mehr wahrgenommen zu werden".

Auch eine Delegation der Aufgaben an die Landratsämter bringe laut Aussagen des Umweltverbandes nichts, weil dadurch objektiv notwendige fachliche Entscheidungen immer mit der politischen Laune der Landräte gegeißelt werden würden. Die Außenstellen des Landesverwaltungsamtes seien wichtige Schaltstellen zwischen den Ministerien und Landkreisen, in denen nicht Parteipolitik sondern Sachverstand dominiere.

Das dank einer hausgemachten Verzögerungstaktik der CDU immer noch fehlende Landesnaturschutzrecht trage zusätzlich zur derzeit deso¬laten Situation der Wahrung elementarster Umweltbelange bei der wirtschaftlichen Aufholjagd bei.

Besondere Dreistigkeit attestierte Frank Henkel vom BUND- Landesvorstand dem Straßenbau. "Alleine im Landkreis Meiningen gibt es zwölf Verstöße gegen geltendes Bundesnaturschutzrecht, die sogar das Biosphärenreservat Rhön betreffen. Es fallen hunderte von Bäumen, ohne daß auch nur einer im Rahmen der Eingriffsregelung ersetzt wird."

Der BUND-Thüringen appelliert an den Innenminister, Haushaltsmittel nicht auf Kosten der Umwelt einzusparen.

15. Oktober 1992

"A 44 schadet der thüringischen Wirtschaft" – BUND Thüringen fordert Verzicht auf unsinniges Autobahnprojekt

Als "wirtschaftspolitisches Konzept von vorgestern" charakterisiert der Bund für Umwelt-und Naturschutz (BUND), Landesverband Thüringen, Äußerungen des stellvertretenden Landrats des Kreises Mühlhausen, Hartmut Fischer, wonach der Bau einer A 44 von Kassel nach Eisenach wesentliche Impulse für einen wirtschaftlichen Aufschwung in Westthüringen bringe. Auf einer Demonstration der BI "Pro A 44" am Tag der deutschen Einheit hatte Fischer die A 44 als "Lebensader für den Landkreis Mühlhausen" bezeichnet. Nach Ansicht des BUND s:ind "solche Parolen nichts weiter als ein Pfeifen im Walde, um die eigene Hilflosigkeit angesichts der tatsächlichen sozialen und wirtschaftlichen Misere in Thüringen zu kaschieren."

Demgegenüber zeigten die Erfahrungen aus den alten Bundesländern, daß zwischen dem Bau von Autobahnen und der wirtschaftliche Entwicklung in einer Region kein direkter Zusammenhang bestehe. Für strukturschwache Regionen wie Westthüringen und Nordhessen prognostizierten alle ernstzunehmenden Gutachten sogar deutlich negative Effekte. Die Kreise Mühlhausen und Werra-Meißner hätten nach dem Bau der A 44 der wirtschaftlichen Sogwirkung von Zentren wie Kassel nichts mehr entgegenzusetzen, so daß dann Fernpendeln und die Abwanderung vor allem jüngerer und qualifizierter Arbeitskräfte weiter zunehmen würden. Durch eine A 44 werde zudem der Ferntransport von Gütern noch weiter subventioniert und damit günstiger als die Produktion vor Ort. Nutznießer davon sei vor allem die westdeutsche Industrie, während die einheimischen Betriebe Westthüringens kaum eine Überlebenschance hätten. Anstelle der Schaffung moderner und produktiver Arbeitsplätze werde Thüringen damit auf lange Sicht "Supermarkt und verlängerte Werkbank" der alten Bundesländer bleiben.

Die für eine A 44 angeblich bereitstehenden Milliarden sollten nach Ansicht des BUND besser in eine ökologisch und wirtschaftlich sinnvolle Modernisierung Thüringens investiert werden. Dazu gehöre ein Ausbau des ÖPNV und die Verbesserung der Schienenfernverbindungen, was auch für eine umwelt-und sozialverträgliche Entwicklung des Fremdenverkehrs unverzichtbar sei.

Scharfe Kritik übt der BUND Thüringen an dem Vorsitzenden der BI "Pro A 44", Reinhold Thumeyer, der den Gegnern der A 44 vorgeworfen hatte, sie behinderten die Wiedervereinigung Deutschlands. Es sei geradezu abstoßend, wie Thumeyer die Menschen der Region für seinen, der eigenen parteipolitischen Karriere dienenden, Straßenbaulobbyismus einspannen wolle.

Die von ihm erfundene "Grüne Autobahn" sei genauso wenig ökologisch wie der "Grüne Punkt" auf Plastikmüll. Für die Menschen, die jetzt an das "Luftschloß" einer fernab aller Ortschaften verlaufenden Autobahntrasse glaubten, werde es ein böses Erwachen geben, wenn irgendwann einmal die A 44 den Ringgau oder in unmittelbarer Nähe von Creuzburg und Mihla das Werratal zerschneiden und verlärmen werde, ohne daß sich dadurch die Belastungen auf der B 7 verringert hätten.

29. September 1992

Erneuter Baumfrevel an der Werrabrücke

Eisenach. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Landesverband Thüringen, hat bei einer am Freitag, dem 25.09.92 durchgeführten Bestandskontrolle an der Werrabrücken-Pflanzung erneut einen Baumfrevel festgestellt. Die Kronen von vier jungen Linden seien, so der BUND, mit roher Gewalt abgeknickt worden. Am 08.07.1992 hatte der BUND schon einmal einen Baumfrevel festgestellt und bei der Polizeiinspektion Eisenach zur Anzeige gebracht. "Damals", so Jakob Stüttgen, BUND-Mitarbeiter, "ist der Stamm einer Linde, offensichtlich mit einer Axt, durch-trennt worden, so daß der Baum abstarb."
 
"Wir sind erschüttert und fassungslos“, so Ralf-Uwe Beck, Landesvorsitzender des BUND-Thüringen, "daß neugepflanzte Bäume mit solcher Brutalität sinnlos beschädigt und getötet werden."
Erst im Herbst letzten Jahres waren die Bäume vom "Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert" im Zusammenwirken mit dem BUND, der Stadt Creuzburg und vielen Bürgerinnen und Bürgern gepflanzt worden. "Wir können die Motivation zu einer solchen Handlung in keiner Weise nachvollziehen", so Stüttgen, "Handlungen solcher Art sind Zeichen für geistige und seelische Öde."

Trotz der Wut und Enttäuschung beim BUND, sollen die geschädigten Bäume jetzt ersetzt werden. Die Kosten dafür wird das "Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert" tragen müssen, wenn die Täter nicht gestellt werden können, denn auch diesmal soll Strafanzeige erstattet werden.

Das "Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert", Künstler, die gemeinsam mit einem hessischen Wirtschaftsunternehmen die Gesellschaft für die Natur sensibilisieren und ihr einen neuen, "erweiterten" Wirtschaftsbegriff nahebringen wollen, plant weitere Pflanzaktionen an der B 7. Begonnen hatte die Aktion mit der Pflanzung des "Baumkreuzes" bei Ifta im Herbst 1990, die Pflanzungen auf dem Plan in Creuzburg und an der Werrabrücke folgten ein Jahr später. Der nächste Pflanzort wird wahrscheinlich Gotha sein.

29. September 1992

"Lügen ist Silber, abhaun' ist Gold" – Eine Geschichte vom "Aufschwung Ost"

Eisenach. Einhundert versprochene Arbeitsplätze, eine Investitionszusage von neun Millionen DM, unmittelbar bevorstehender Baubeginn - wer kann da schon nein sagen! Eine fast märchenhafte Perspektive für die fünfhundert-Seelen Gemeinde Rohr, in der Nähe der Südthüringer Kreisstadt Meiningen, tat sich auf.

Grund genug für den damaligen Bürgermeister, am 18. September 1991 eine Pressekonferenz einzuberufen, um die Pläne für ein Golfplatzgroßprojekt der Öffentlichkeit vorzustellen. Schon bald sollten aus damaliger Sicht pfundige Steuereinnahmen aus einer supermodernen Golfanlage, einem Naherholungsgebiet mit künstlichem See, mehrere Tennisplätze, einem Thermal-Hallenschwimmbad und einer Ferienanlage mit 80 Vogelberghäuschen in die Gemeindekasse flutschen. Wehe dem Umweltschützer, der damals die Dimensionen des Vorhabens einschließlich des Verbrauchs von fast 100 ha freier Landschaft angeprangert hätte. Es war allerdings auch nicht nötig, denn die Rohrer Bürger wurden auch ohne die Schützenhilfe der "permanenten Aufschwungbremsen" um eine Illusion ärmer und die Gemeinde stand am 19. August 1992 im Gerichtssaal dem Vorstand einer Bankfiliale, zu einer ersten Verhandlung gegenüber.
Was war geschehen?

Armin Reul, der Geschäftsführer der "Golf-Consulting GmbH Frankfurt am Main", erläuterte auf der bereits erwähnten Pressekonferenz vollmundig seine Pläne, die er mit einer finanzkräftigen Hintermannschaft schnell umsetzen werde. Journalisten und Bürger bestaunten teils hocherfreut, teils skeptisch das eingeflogene Christkind und wähnten sich schon im Mittelpunkt Deutschlands. Genau dieser sei, so Reul, ausschlaggebend für seine Standortwahl gewesen. Man richtete ein Büro ein, gründete eine Arbeitsgruppe und plante lange und ausgiebig. Doch Kopfarbeit ist teuer, dachte Reul und beanspruchte bei einer hiesigen Bank einen Kredit in Höhe von 252.000 DM samt 13% Zinsen. Der gutgläubige Bürgermeister, inzwischen krank geworden und zurückgetreten, übernahm anstandslos die von der Bank für diesen Betrag geforderte Bürgschaft, doch auf dem Acker tat sich nichts, außer daß eine schmucke Werbetafel frohe Botschaften verkündete.

Wegen des langen Wartens auf frische Taten ungeduldig geworden, besann sich das Kreditinstitut auf sein Recht auf Nachfrage. Skrupellos und kaltschnäuzig behauptete Reul, die Gemeinde hätte ihrerseits den anstehenden Betrag schon verbraten. Dies war auch schon das letzte Lebenszeichen und so verschwand das Christkind mit fetter Beute `gen Westen, dorthin, wo er hergekommen war.

Diese leider bitterernste Geschichte bewog den mittlerweile neuen Bürgermeister zu folgender Erkenntnis: "Die Golfplatzangelegenheit ist ein Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn man gutgläubigen Ausführungen gewissenloser Geschäftemacher, um nicht zu sagen Betrügern, Glauben schenkt und euphorisch solchen unrealistischen Verblendungen auf den Leim geht". Dieser Satz sagt vieles über die Konfusion aus, welche sich im Osten breitmacht, sobald der aalglatte Managertyp aus dem Westen aufkreuzt, mit dessen Mentalität viele ehemaligen DDR-Bürger nach wie vor nicht klarkommen. Naiv und unerfahren opfert man hierzulande viel zu leicht sein Naturkapital der Profitgier von Personen, welche die Umbruchsituation schamlos ausnutzen. Doch hat die beschriebene Geschichte aus der Sicht des Umweltschutzes auch etwas Erfreuliches zu bieten. Vorerst bleibt ein Stück Landschaft Südthüringens vor sinnloser Zersiedlung verschont.

Dieses Projekt ist gestorben, viele andere jedoch befinden sich in Planung oder bereits im Bau, die meisten von ihnen werden nur aus kleinräumiger Sicht einer Stadt- oder Gemeindeverwaltung gesehen. Jeder ist sich selbst der Nächste beim Wettlauf um Fördertöpfe. Da stören übergreifende, raumordnerische Gesichtspunkte nur, sofern es sie schon gibt und werden sogleich als Angriff auf die kommunale Selbstverwaltung abgeschmettert.

Vor diesem Hintergrund werden auch in Zukunft alle möglichen und unmöglichen Projekte Mensch und Natur im Osten Deutschlands bedrohen, so wie jüngst die Pläne eines amerikanischen Investors, der gerne die Rhöngemeinde Oechsen, inmitten des Biosphärenreservates, mit einer Glaskuppel überdachen will. Und das ausgerechnet hier, wo man allerorten Angst vor den Naturschützern hat, die doch angeblich am liebsten eine Käseglocke über die Rhön stülpen würden.

11. August 1992

BUND Thüringen: "Verbandsklage ist ein Kontrollmechanismus, nichts weiter"

Eisenach. "Und wenn die Worte Asche in meinem Mund werden, ich werde es solange wiederholen, bis alle Irrtümer um die Verbandsklage ausgeräumt sind: die Verbandsklage ist ein Kontrollmechanismus; sie hemmt keinen wirtschaftlichen Aufschwung, sondern nur Rechtsverstöße.", so Ralf-Uwe Beck, Landesvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Thüringen e.V. (BUND Thüringen).

Der BUND Thüringen reagiert in einer jüngst herausgegebenen Presseerklärung auf die Äußerungen des Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag Schwäblein, der einer Verbandsklage im Thüringer Naturschutzgesetz eine Absage erteilen will.

Nach Ansicht des BUND Thüringen betreibe die CDU mit der Öffentlichkeit ein undemokratisches Spiel. Anders könne nicht mehr erklärt werden, daß im letzten vorgelegten Regierungsentwurf des Naturschutzgesetzes eine Verbandsklage enthalten sei, die CDU davon jedoch offenbar wieder abrücke.

Es sei augenscheinlich, so der BUND Thüringen, daß mit dem Hick-Hack um die Verbandsklage die Verabschiedung des Naturschutzgesetzes weiter auf der langen Bank belassen werden soll. Hierfür stilisiere die CDU die Verbandsklage immer wieder zum Gespenst hoch, das den wirtschaftlichen Aufschwung hemme. Ein Blick ins Nachbarland Hessen, in dem die Verbandsklage bereits seit 10 Jahren festgeschrieben ist, genüge bereits, um festzustellen, daß dieses Argument im Zusammenhang mit der Verbandsklage nicht greife.

Bei der Verbandsklage gehe es vielmehr um Demokratie. Die Verbandsklage greife nur bei Planungen, wo der Naturschutz nicht dem Gesetz entsprechend beachtet worden sei. "Wer die Verbandsklage also nicht will", so resümiert Beck, "will Rechtsverstöße hinnehmen, d.h., der will auch nicht, daß die Gesetze, die der Landtag verabschiedet, kontrolliert und eingehalten werden." Vor diesem Hintergrund fühle sich der BUND Thüringen durch die Gegner der Verbandsklage an Vorwendezeiten erinnert.

Der BUND Thüringen appelliert nachdrücklich an die FDP-Fraktion und den Thüringer Umweltminister, an der Verbandsklage und damit an einem zeitgemäßen Naturschutzgesetz festzuhalten und sich nicht von der demokratisch fragwürdigen Haltung der CDU zur Verbandsklage beeindrucken zu lassen.

31. Juli 1992

Talsperrenprogramm für den Thüringer Wald – ein ökologischer Alptraum

Eisenach. Der Landesverband Thüringen des Bund für Umwelt- und Naturschutz  Deutschland e.V. (BUND Thüringen) hat in einem dem Umweltministerium übergebenen Positionspapier harte Kritik an den wasserbaulichen Vorhaben im Thüringer Wald geübt.

So gehe der jüngste Entwurf des Landesentwicklungsprogramms Thüringen von der Notwendigkeit der Errichtung weiterer sieben Trinkwasser- und vier Hochwassertalsperren aus. Außerdem sei ein Trinkwasserüberleitungsprojekt im Biosphärenreservat Vessertal, sowie ein gigantisches Pumpspeicherwerk bei Goldisthal geplant.

Mit diesem Paket verabschiede sich, nach Ansicht des BUND, die Landesregierung von den umweltpolitischen Vorzügen einer dezentralen Energie- und Ressourcennutzung. Dutzende Talsperren im Thüringer Wald seien die falsche Antwort auf die desolate Versorgungssituation in weiten Teilen des Thüringer Beckens und angrenzender Industrieregionen. Statt die letzten intakten Naturräume Thüringens der Fernwasserlobby zu opfern, solle man die Investitionsmilliarden lieber in die Sanierung der örtlichen Versorgungsnetze stecken, heißt es weiter.

"Die Nutzung eigener Trinkwasserreserven ist für die Kommunen nicht nur krisensicherer und billiger, sondern zwingt diese auch zur naturschonenden Behandlung weiter Flurbereiche", so Frank Henkel vom BUND Landesvorstand, "noch können sich viele Bürgermeister aussuchen, ob sie ihre Wasserversorgung in eigene Regie nehmen, oder sich zum Spielball gewinnsüchtiger Großunternehmen machen lassen."

Besonders trübe seien die Aussichten nach Ansicht des Umweltverbandes für das Schwarzatal im Thüringer Schiefergebirge. Die in Zusammenhang mit der bereits im Bau befindlichen Talsperre Leibis und dem Weiterbau des Pumpspeicherwerkes am Flußoberlauf erfolgenden Natureingriffe, zögen nicht abschätzbare ökologische Folgewirkungen nach sich, welche unter anderem die Existenz zweier großer Naturschutzgebiete in Frage stellten. Der BUND verweist auf die undurchsichtige Sachlage bei den Planungs- und Genehmigungsprozessen beider DDR-Projekte und fordert deren Klarstellung.

28. Juli 1992

BUND Thüringen: "Weinz hat keine Ahnung"

Eisenach. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Thüringen e.V. (BUND Thüringen) wirft dem Geschäftsführer des Deutschen Umwelttages, Wolfgang Weinz, wegen seiner Äußerungen über die Umweltbewegung in der Frankfurter Rundschau vom 27.7. d.J. Unkenntnis und Arroganz vor.

In einem an Weinz gerichteten Schreiben heißt es: "Wenn Sie postulieren, die Umweltbewegung solle die 'Müsli-Ecke' verlassen, disqualifizieren Sie sich selbst als jemand, der schlichtweg keine Ahnung von der Umweltbewegung hat, die nämlich werden Sie in der 'Müsli-Ecke' nicht finden."

Schwer hinnehmbar sei es für den Umweltverband, wenn Weinz die ehrenamtliche Umwelt- und Naturschutzarbeit diffamiert. Das Bemühen vieler Bürgerinnen und Bürger, umweltbewußt zu leben, als "Glaubwürdigkeitsgesülze" abzutun, zeuge vom Realitätsverlust, unter dem Weinz offenbar leide. Der BUND Thüringen möchte dagegen das die Bevölkerung einlullende Gerede der Vertreter aus Wirtschaft und Politik, das die Pervertiertheit der Konsumgesellschaft verschleiere, so bezeichnet wissen.

Die Umweltbewegung diskutiere derzeit auf breiter Ebene ihre Situation. Es sei schade, so der BUND, daß Weinz' Äußerungen derart undifferenziert und damit unqualifiziert seien, daß sie nicht dazu taugten, diese Diskussion zu befruchten. "Wir jedenfalls", so heißt es in dem Schreiben, "haben Ihr Gesülze hin- und hergewogen und es schließlich für zu leicht befunden, uns mit diesem argumentativ auseinanderzusetzen".

Der Deutsche Umwelttag hat in einem jüngst verschickten Schreiben die Orts- und Kreisverbände des BUND aufgefordert, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer für die Durchführung des Deutschen Umwelttages zu gewinnen. Der BUND Thüringen werde, so lautet ein Beschluß des Landesvorstands wegen der Äußerungen Weinz' die Gruppen "bewußt nicht auffordern, sich als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dem Deutschen Umwelttag zur Verfügung zu stellen". Der Beschluß sei von der Achtung des BUND Thüringen gegenüber jeglicher ehrenamtlicher Arbeit, die der Erhaltung der Lebensgrundlagen dient, getragen.

Das Schreiben des BUND Thüringen endet mit einer Einladung an Weinz zu einem kostenlosen Praktikum in der Landesgeschäftsstelle des Verbandes. Weinz würde damit Gelegenheit gegeben, die Umweltbewegung und das in ihr gelebte Engagement kennenzulernen.

8. Juli 1992

BUND verurteilt Baumfrevel

Eisenach. Der Landesverband Thüringen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND Thüringen) hat bei einer am Mittwoch, dem 8. Juli, durchgeführten Bestandskontrolle an der WERRABRÜCKEN-Pflanzung in Creuzburg einen Baumfrevel festgestellt.

 

Ganz offensichtlich sei der Stamm einer jungen Linde vermutlich mit einer Axt durchtrennt worden. An einem anderen Baum, so der BUND, sei der Baumpfahl in Bodenhöhe abgeschlagen worden.

 

"In beiden Fällen", so BUND-Mitarbeiter Jakob Stüttgen, "ist mit roher Gewalt vorgegangen worden. Wer jungen Bäumen", so Stüttgen weiter, "die Chance zum Altwerden nimmt, offenbart seine innere Verwahrlosung".

 

Die Bäume waren erst im Herbst letzten Jahres vom "Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert" im Zusammenwirken mit der Stadt Creuzburg und vielen Bürgerinnen und Bürgern gepflanzt worden.

 

Das Unternehmen wird bei der Polizeiinspektion Eisenach Anzeige erstatten.

3. Juli 1992

BUND gründet Arbeitskreis Verkehr: "Alternative Konzepte gegen Betonpolitik und ungehemmte Motorisierung"

Widerstand gegen die "Betonpolitik des Bundesverkehrsministers und die ungehemmte Zunahme der Motorisierung" hat sich der neu gegründete Arbeitskreis "Verkehr" im Landesverband Thüringen des Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland e. V. (BUND) auf seine Fahnen geschrieben.

"Der Verkehr ist mittlerweile weltweit der Umweltverschmutzer Nr.1 und damit eine der größten Herausforderungen für die Umweltpolitik", erklärte der Sprecher des Arbeitskreises, Michael Spielmann, in einer heute veröffentlichten Presseerklärung. Der BUND beobachte mit großer Sorge die "gigantische Offensive im Straßenbau", die derzeit in Thüringen anlaufe. Neben der auch vom BUND begrüßten Instandsetzung und dem behutsamen Ausbau des vorhandenen Straßennetzes, sieht der vom Bundeskabinett beschlossene Bundesverkehrswegeplan eine Vielzahl von ökologisch verheerenden und verkehrspolitisch sinnlosen Großprojekten vor. Besonders gravierende Beispiele seien die "Südharzautobahn" von Göttingen nach Halle, die geplante Autobahn A81/A73 durch den Thüringer Wald, sowie die A44 von Kassel nach Eisenach. "Damit sind wir auf dem besten Wege, die verkehrspolitischen Fehler der alten Bundesländer zu wiederholen", erklärt der Landesvorsitzende des BUND Thüringen, Ralf-Uwe Beck. Der BUND kritisiert, daß es für die im Bundesverkehrswegeplan vorgesehenen Projekte keine realistische Bewertung der zu erwartenden Auswirkungen gäbe. So könne die vom Bundesverkehrsministerium vorgelegte Berechnung des gesamtwirtschaftlichen Kosten/Nutzen-Verhältnisses dieser Maßnahmen nur als "Hokuspokus" bezeichnet werden.

Angeblich positive wirtschaftliche Effekte von Straßenbaumaßnahmen würden willkürlich hochgerechnet, während die zu erwartenden Umweltschäden in dieser "Milchmädchenrechnung" überhaupt nicht auftauchten. Auf diese Weise kommt der Bundesverkehrsminister etwa für die A82, die sogenannte "Südharzautobahn" von Göttingen nach Halle, zu dem Ergebnis, daß jede dort investierte Mark rund fünf Mark an volkswirtschaftlichem Nutzen bringe , während den vorliegenden Gutachten zufolge erhebliche Umweltprobleme und damit verbunden auch negative Auswirkungen für den Fremdenverkehr zu erwarten sind.

Ein wichtiges Ziel des Arbeitskreises sei es daher, die Öffentlichkeit über die mangelnde Seriosität der Bundesverkehrswegeplanung und die verheerenden Folgen für das Land Thüringen zu informieren. Gleichzeitig sollen Alternativen zum forcierten Straßenbau aufgezeigt werden, wie etwa der Erhalt und Ausbau der Schieneninfrastruktur und des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und die Durchführung ordnungspolitischer Maßnahmen, wie Geschwindigkeitsbeschränkungen und LKW-Nachtfahrverbote.

Auf diese Weise sollte der Widerstand gegen die ohne Rücksicht auf Mensch und Natur betriebene Verkehrspolitik des Bundesverkehrsministers Krause und seiner "Erfüllungsgehilfen" auf Landesebene gestärkt werden, um so auch in Thüringen die Wende hin zu einer zeitgemäßen und umweltverträglichen Verkehrspolitik einzuleiten.

29. Juni 1992

BUND sieht thüringische Dörfer gefährdet

Eisenach. Der Landesverband Thüringen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Thüringen) sieht die einmalige Kulturlandschaft Thüringens in Gefahr, wenn die dörflichen Strukturen zerplant und dorftypische Elemente unter dem Motto der Dorferneuerung eliminiert werden. Der BUND warnt davor, die Thüringischen Dörfer zu Kleinstädten zu machen und ihnen damit den Dorfcharakter zu nehmen; es dürften die Fehler, die in den alten Bundesländern gemacht worden sind, nicht wiederholt werden.

"Unsere Dörfer sind in Jahrhunderten gewachsen. Die alte Bausubstanz, harmonierende Bauweisen, intakte Anger- und Dorfstraßenbereiche fügen sich, wie auch die heimischen Obstbaumsorten als markante Abgrenzung zur Landschaft, zu einer idyllischen Dorfatmosphäre.", so Ralf Lüttig, Mitarbeiter beim BUND Thüringen.

Der BUND räumt ein, daß wegen des fortschreitenden Verfalls alter dorftypischer Gebäude, wegen des desolaten Zustands der Straßen und Fußwege und weil es an infrastrukturellen Einrichtungen, wie beispielsweise der Abwasserentsorgung, mangelt, Dorferneuerungsprogramme greifen müssen.

Der Naturschutzverband mahnt hier jedoch zur Vorsicht. Es gehe nicht darum, der Dorfzerstörung nur ein anderes Vorzeichen zu geben, sondern vorrangig darum, zu bewahren, auch wenn bebaut wird. Mit dem sensiblen Bereich gewachsener Dorfstrukturen müsse auch sensibel umgegangen werden. Durch die Verwendung landschaftstypischer Baumaterialien statt Betonpflaster oder gar Asphalt, durch eine architektonisch angepaßte, den Dorfkern betonende Lückenbebauung statt expansiver Dorferweiterung und durch die Pflanzung einheimischer Gehölze statt fremdländischer Koniferenarten könne der dörfliche Charakter betont statt verwischt werden.

Die vielerorts ausgewiesenen Gewerbegebiete, so der BUND, stören mitunter durch ihre immense Ausdehnung Dorfansichten und zergliedern Landschaften. Fraglich sei auch, ob für die in Thüringen ausgewiesenen Gewerbegebiete überhaupt Investoren gefunden würden. Der BUND sieht bei dem Überangebot an Gewerbegebieten die Preise für diese in Zukunft drastisch sinken und demzufolge die Kommunen verarmen.

"Der Supermarkt darf nicht zum Eingangsschild des Dorfes werden. Und das Dorf selbst sollte Dorf bleiben und nicht wie in den alten Bundesländern zur Uniformität zurechtbetoniert werden. Die Dorfstraße ist nun einmal nicht der Einkaufsboulevard der Kreisstadt.", so Beck, Landesvorsitzender des BUND Thüringen.

24. Juni 1992

Biosphärenreservat Rhön mit schwerem Stand

Die thüringischen Landesverbände des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) und des Naturschutzbundes Deutschland e. V. reagieren in einer gemeinsam herausgegebenen Presseerklärung auf die, wie es heißt, "unerträglich gewordenen Auswüchse einer seit Monaten laufenden öffentlichen Kampagne gegen das Biosphärenreservat".
Mit wachsender Schärfe zeige sich der Konflikt zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Menschen und den Umweltschutzanforderungen, die im Rahmen eines UNESCO-Schutzgebietes nun einmal höher liegen als anderswo. Privatunternehmern und Bürgermeistern falle es im Schulterschluß mit dem politischen Oberbau zunehmend leichter, Fehlplanungen durchzusetzen. Nach Meinung der beiden Naturschutzverbände wird die Existenzberechtigung solch wichtiger Institutionen wie der Unteren Naturschutzbehörde, des Landesverwaltungsamtes und insbesondere der Aufbauleitung des Biosphärenreservates in Kaltensundheim verstärkt angezweifelt.

"Die Antinaturschutzattacken sind nirgends so massiv wie in der Rhön", gibt Hartmut Kempf vom Naturschutzbund Deutschland zu denken, "schon der kleinste naturschutzfachliche Einwand an beliebiger Stelle reicht einigen Bürgermeistern aus, um blühende Visionen einer Rückentwicklung in die Steinzeit auszuschmücken".

Nicht ganz schuldlos an der Misere sind, nach Ansicht des BUND, auch die Landräte, welche oftmals unausgewogen Partei gegen den Naturschutz ergreifen. "Meister seines Faches ist darin gerade der Meininger Landrat, der den Bürgern betroffener Gemeinden immer wieder so leutselig zur Seite steht, als fänden drei Tage später Wahlen statt", so Frank Henkel vom Landesvorstand des BUND. "Herr Puderbach vergißt bei keinem seiner Ortstermine, gegen die Außenstelle Suhl des Landesverwaltungsamtes Stimmung zu machen und geht dabei deren Mitarbeiter persönlich an. Bei seinem Bestreben, alle Entscheidungskompetenzen hin zum Landesrat zu ziehen, ist ihm diese Fachbehörde offensichtlich ein Dorn im Auge.“

Einig sind sich die beiden Naturschutzverbände, daß alle Eingriffe in den empfindlichen Naturhaushalt des Rhöngebietes einer gewissenhaften Abwägung und Kontrolle unterzogen werden müssen. Es gehe nicht an, daß Firmen, wie im Falle des Kaltensundheimer Supermarktes oder der Straßenbaumaßnahme Friedelshausen -Kaltenlengsfeld, einfach drauflos bauen, ohne Alternativstandorte ernsthaft zu prüfen bzw. daß die Genehmigung der zuständigen Fachbehörden vorläge. Es sei dann sehr unfair, die sich daraus ergebenden unpopulären Konsequenzen den Umweltschützern anzulasten.

Abschließend heißt es in der Presseerklärung: "Die anderenorts rücksichtslose Landschaftszerplanung muß vor dem Biosphärenreservat Halt machen, will man sich die Chance einer regionaltypischen natur-und sozialverträglichen Entwicklung wahren."

22. Juni 1992

BUND: Nein zu Rallyes

Eisenach. Der beklagenswerte Unfall während der Hessenrallye des ADAC, bei dem ein Menschenleben zu bedauern ist, sollte nach Ansicht des Landesverbandes Thüringen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Thüringen) Anlaß sein, den Sinn und Unsinn von Rallyes überhaupt zu überdenken.

Rallyes seien, so der BUND Thüringen, unzeitgemäß. Auf der einen Seite werde selbst vom Bundesumweltminister das Auto als einer der größten Umweltsünder, gebrandmarkt, auf der anderen Seite würden Rallyes veranstaltet, die eine Werbung für das Auto schlechthin seien. „Die Losung 'Rallyesport verherrlicht Umweltmord' hat mehr denn je seine Berechtigung“, sagt Thomas Warlich vom BUND Thüringen.

Zudem sieht der BUND in den Rallyeveranstaltungen eine Animation zu aggressivem Fahrverhalten der Autofahrer im „normalen“ Straßenverkehr. Dies sei in Anbetracht steigender Unfallzahlen nicht zu verantworten.

Kritisiert wird vom BUND auch, daß die Hessenrallye wiederholt auf Thüringer Gebiet gefahren wurde. „In Hessen wehren sich Bürger und Kommunen gegen die lärmenden und stinkenden Rallyes, also überfährt der ADAC die Thüringer Kommunen“, so Susanne Kull vom Landesvorstand des BUND Thüringen.

Da Rallyes angesichts der drohenden Klimakatastrophe dem gebotenen Umwelt- und Ressourcenschutz widersprächen, kündigt der BUND eine Fortsetzung des bereits zu DDR-Zeiten durch Umweltgruppen lautstark geäußerten Protests und Aktionen gegen derartige zukünftige Veranstaltungen an.

15. Juni 1992

Der BUND zum Landesentwicklungsprogramm: Bitte noch einmal

Eisenach. Der Landesverband Thüringen des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND-Thüringen) fordert eine grundlegende Überarbeitung des jetzt vom Umweltminister vorgelegten zweiten Entwurfes zum Landesentwicklungsprogramm.

Der BUND kritisiert die Widersprüchlichkeit des Landesentwicklungsprogramms. Wenn noch als allgemeines Ziel formuliert ist, daß immer dann der Erhaltung und Regenerierung der natürlichen Lebensgrundlagen der Vorrang gegenüber konkurrierenden Interessen einzuräumen ist, wenn nachhaltige Schäden drohen, so lasse bereits der zweite Teil diese Vorgabe vermissen. In diesem Zusammenhang kritisiert der BUND, daß das Landesentwicklungsprogramm vielfach auf Großprojekte setze und dabei der Umweltschutz zum Anhängsel verkomme.

An sich anerkennenswerte Ziele, wie die gesicherte Wasser- und Energieversorgung, sollen durch ganz konkrete, ökologisch sehr fragwürdige Großprojekte u.a. im Talsperren- und Straßenbau, in der Energieversorgung und im Bergbau erreicht werden. Der BUND nimmt an, daß diese äußerst problematischen Großprojekte rechtlich verankert und damit festgeklopft werden sollen. Sie bedürften aber eines Genehmigungsverfahrens mit Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), welches nicht vom Landesentwicklungsprogramm ersetzt werden kann. "Die Rechtmäßigkeit eines solchen Vorgehens wird zu prüfen sein", so Claudia Müller, Geschäftsführerin des BUND, "da jede nachfolgende UVP, die schließlich die Null-Lösung mit zu diskutieren hat, zur Farce würde".
Viele dieser Vorhaben stammten noch aus DDR-Zeiten, und müßten, so die Forderung des BUND, einem neuen Genehmigungsverfahren und vor allem einer Bedarfsanalyse unterzogen werden.

"Die Lösung vieler Probleme verbirgt sich heute hinter dem Stichwort 'Dezentralisierung'", argumentiert Gudrun Flachmann, Mitarbeiterin des BUND-Thüringen. Hier aber lasse das Landesentwicklungsprogramm richtungsweisende Lösungsmodelle wie die Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs auf die Schiene, die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs, Dezentralisierung der Energie- und Wasserversorgung, Vorgaben zur Müllvermeidung, ein Programm zur Wassereinsparung vermissen. "Diese könnten Arbeitsplätze schaffen und würden zugleich der öffentlichen Hand - d.h. dem Steuerzahler - deutlich billiger kommen", so Flachmann weiter, "ganz abgesehen davon, daß jede Dezentralisierung tatsächlich einmal eine Mittelstandsförderung wäre."

20. Mai 1992

BUND: Hörseltal im Schraubstock

Eisenach. Der Landesverband Thüringen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND-Thüringen) kritisiert das Vorhaben, eine neue Straße durch das Hörseltal zu bauen, die als Anbindung des Opelwerkes an die Autobahn A4 gedacht ist.

Damit würde, so läßt der BUND in einer Presseerklärung verlauten, das Hörseital in den Schraubstock genommen werden. Nachdem die Kommune Stedtfeld dem Druck des Autokonzerns nicht habe standhalten können, solle jetzt auch noch Hörschel den Opelinteressen preisgegeben werden.
Der Opelkonzern, der mit umweltfreundlicher Produktion und recyclebaren Autos werbe, mache sich angesichts der Eingriffe in Natur und Landschaft, die der Opelstandort bisher gekostet hat und weiter kosten soll, mehr als unglaubwürdig.

Der BUND fordert den Konzern auf, Zulieferung und Abtransport auf die Schiene zu verlagern. "Opel soll doch bitte nicht so tun, als befänden wir uns in einer Infrastrukturwüste. Neben dem Opelwerk liegen Schienenstränge, und die sind benutzbar", so der verkehrspolitische Sprecher des BUND-Thüringen, Michael Spielmann. Die Straßenbaupläne durch das Hörseltal parallel zur Schiene seien ein wiederholtes Beispiel für die Ignoranz der verantwortlichen Politiker, die, obwohl die notwendige C02-Reduzierung längst Konsens sei und verkehrspolitische Prämissen in Richtung Bahn zeigen, weiter Straßen neben die Schiene bauen wollen.

Der von der Bevölkerung in Hörschel getragene Widerstand wird von dem Umweltverband unterstützt. "Wir stehen auf der Seite derer, die sich gegen die Zerstörung ihres Dorfes und das Zunichtemachen ihrer Pläne in Sachen sanftem Tourismus wehren", so Ralf-Uwe Beck, Landesvorsitzender des BUND. "Die Hörscheler können in ihrem Bemühen, die Straße zu verhindern, auf den BUND zählen."

15. Mai 1992

Seit zwei Jahren BUND-Landesverband in Thüringen

Eisenach. Am 18. Mai 1992 begeht der Landesverband Thüringen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND), seinen zweiten Jahrestag.

Die Arbeit des BUND sei wichtiger denn je, heißt es in einer jüngst herausgegebenen Presseerklärung. Der wirtschaftliche Aufschwung bringe viele Eingriffe in Natur und Landschaft mit sich. "Die Natur wird oft betrachtet, als stünde sie im Wege. Eine für unsere Zukunft verhängnisvolle Sichtweise, der wir uns in den Weg stellen", so die Landesgeschäftsführerin, Claudia Müller, "eine Autobahn durch den Thüringer Wald z.B. ist mit uns genauso wenig zu machen wie die Zerschneidung des Gipskarstgebietes im Südharz durch eine Autobahn Göttingen-Halle."

Der BUND verstehe sich als Anwalt der Natur, er wolle der entrechteten Natur zu ihrem Recht verhelfen. Kritisiert wird in dem Zusammenhang, daß Thüringen noch immer kein Naturschutzgesetz habe.

Als anerkannter Umweltverband mische sich der BUND kritisch überall da mit ein, wo es gilt, die Belange des Natur-und Umweltschutzes zu berücksichtigen. Hier nehme der BUND eine Korrektivfunktion ein, zeige aber gleichzeitig Alternativen auf. Er entwickle Verkehrskonzepte, entwerfe Mustersatzungen für Kommunen; als nächstes größeres Vorhaben sei ab August dieses Jahres eine Kampagne zum ökologischen Landbau geplant. Für diese fachliche Arbeit sollen Facharbeitskreise entstehen. Ein Arbeitskreis Umwelterziehung sei bereits seit November 1991 aktiv, einer für Verkehrsfragen solle in den nächsten Wochen gegründet werden.

Derzeit sei der BUND in den ca. 35 Orts-und Kreisverbänden mit insgesamt über 550 Mitgliedern organisiert. Die Tendenz des Mitgliederzuwachses sei steigend. "Oft wird vom schlechten Umweltbewußtsein der Menschen in den neuen Bundesländern gesprochen. In diese Kerbe hauen wir nicht", so Landesvorsitzender Ralf-Uwe Beck, "viele Menschen stellen zwei Jahre nach der sogenannten Wende für die Natur wichtige Fragen: warum verdreifachtes Müllaufkommen, warum Stromtrasse, wenn's auch dezentral geht, warum immer wieder Gewerbe auf der grünen Wiese, wo alte Industriestandorte brach liegen usw. Wir sehen das Umweltbewußtsein nicht einschlafen, sondern erwachen. Dementsprechend hoffnungsvoll sind wir, trotz alledem."

6. Mai 1992

Stromtrasse Mecklar-Vieselbach noch immer umkämpft

Eisenach. Derzeit läuft für die Stromtrasse Mecklar-Vieselbach das Raumordnungsverfahren im Bereich Herleshausen und den angrenzenden hessischen und thüringischen Gemeinden. Auch der Landesverband Thüringen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND-Thüringen) hat massiv Einwendungen gegen den Antrag eingelegt.

So kritisiert der BUND, daß PreußenElektra in der versuchten Begründung der energiewirtschaftlichen Notwendigkeit der Trasse wiederholt umschwenkt. Wurde noch zu Beginn der Diskussion Ende 1990 im Eisenacher Falkhof von PreußenElektra der Strombedarf in den neuen Bundesländern ins Feld geführt, so wäre davon keine Rede mehr. PreußenElektra argumentiere nun mit einer angeblich notwendigen Netzstabilisierung. Diese greife aber erst nach Rekonstruierung des Stromnetzes in den neuen Bundesländern.

Hier sieht der BUND einen Widerspruch zu der Eile, mit der die Trasse vorangetrieben würde. "Könnte man die Argumentation der PreußenElektra ernst nehmen, so hätte der Bau der Trasse noch Jahre Zeit. Die energiewirtschaftliche Notwendigkeit ist zudem noch immer nicht nachgewiesen; auch deshalb nicht, weil heute die globale Umweltsituation, Forderungen nach CO2-Reduzierung, also energiewirtschaftliche Alternativen, dezentrale Energieversorgung, mit in die Überlegungen einbezogen werden müssen. Dies ist gröblich vernachlässigt.", so der Landesvorsitzende des BUND-Thüringen, Beck.

PreußenElektra wolle, so heißt es in der jüngst herausgegebenen Presseerklärung des BUND, ihre unökologische zentrale Art der Energieversorgung durchsetzen und zementieren. "Dabei schreckt", so Beck, "der Energiekonzern auch nicht davor zurück, mit den Ängsten der Menschen in der Region fahrlässig umzugehen. Es ist schlichtweg menschenverachtend, wenn die PreußenElektra in den vorgelegten Unterlagen behauptet, die von den Hochspannungsleitungen ausgehende elektromagnetische Strahlung sei ungefährlich." Wie der BUND bekanntgibt, könne Elektrosmog nicht ausgeschlossen werden, so auch nicht die Gefährdung der Gesundheit der Betroffenen. Er habe in seiner Stellungnahme deshalb auf das im Grundgesetz verankerte Grundrecht auf Gesundheit verwiesen und mehrere Gutachten verlangt.

Angegriffen hat der BUND auch das vorgelegte landschaftspflegerische Gutachten, das kurzsichtig erstellt worden sei und Interessen der Gemeinden, wie die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs völlig außen vor lasse. "Hier sind", so Beck weiter, "die Gutachter im Eilschritt durchs Gelände gelaufen, haben dieses taxiert, um dann zu sagen: Die Trasse macht die verschandelte Landschaft nicht viel schlimmer. Dies grenzt an Hohn." Der BUND hat die vorgelegte Planung mit Nachdruck abgelehnt.

8. Januar 1992

Der "Grüne Punkt" – ein Etikettenschwindel

Der Landesverband Thüringen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) brandmarkt den "Grünen Punkt" als üblen Etikettenschwindel. In einer Presseerklärung stellt der BUND-Thüringen dar, daß den VerbraucherInnen Umweltfreundlichkeit vorgegaukelt wird, wo keine ist.

Der "Grüne Punkt", der bereits auf den meisten Einwegverpackungen zu finden ist, suggeriert diese scheinbare Umweltfreundlichkeit mit Erfolg, wie Befragungen unter KäuferInnen ergeben haben. Der BUND kritisiert, daß damit gegen eines der drängensten Umweltprobleme, die Müllflut der Verpackungsindustrie, wieder einmal nichts unternommen wird. Der "Grüne Punkt" sage lediglich aus, daß diese Verpackung separat gesammelt wird. Demnach kann eine Verpackung aus 100% Altpapier genauso mit dem "Grünen Punkt" ausgewiesen werden wie z.B. die extrem recyclingfeindliche Verbundverpackung für H-Milch.

"Hinter den Kulissen der Verpackungsverordnung steht eine ausgemergelte Verwertungspflicht", so die BUND-Umweltberaterin Gudrun Flachmann, "die Erfassungs-und Verwertungsquoten liegen für Papier nur bei 18%, Kunststoff soll nur zu 9% recycelt werden; die Industrie weiß zum Teil momentan selbst noch nicht, wie die einzelnen Stoffgruppen zu verwerten sind".

Die Duales System Deutschland GmbH, die sich zum Zweck der Organisation der Verwertung gegründet hat, propagiere, so der BUND, Recycling als Allheilmittel, verschweige aber, daß hier mitunter sehr große Umweltbelastungen entstehen . Der BUND nimmt an, daß mit dem "grünen Image" des Recyclings die Akzeptanz der VerbraucherInnen für den bestehenden Verpackungsaufwand wiederhergestellt werden soll.

Der BUND fordert als sinnvolle Alternative die Verpackungsvermeidung; hierzu gebe die Verpackungsverordnung keinen Anreiz. "Der Müllberg wird wachsen, nicht schwinden. Bereits vorhandene Initiativen zur Abfallvermeidung wie z.B. Mehrwegsysteme werden vernachlässigt. Die bewährte abfallarme und umweltschonende Mehrwegflasche bleibt im Regal stehen, weil ohne 'Grünen Punkt'“, so Thomas Warlich, Mitarbeiter des BUND-Thüringen.

Er resümiert "die Verpackungsverordnung entpuppt sich als eine Verordnung zur Sicherung des Marktanteils von Einwegverpackungen. Der 'Grüne Punkt' ist reiner Etikettenschwindel!"



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Jahresbericht 2015

Unser neuer Jahresbericht steht ab sofort zum Download zur Verfügung!

Der BUND Thüringen ist Teil des Bündnis für ein Thüringen der Demokratie, 
Vielfalt und Mitmenschlichkeit
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Lesen Sie dazu den Brief unseres Landesvorsitzenden, Ron Hoffmann.

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