BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


20. November 2006

20.11.2006: Wie wild ist die Wildkatze?

BUND Thüringen und Universität Jena starten gemeinsames Forschungsvorhaben zum Schutz der Wildkatze

Erfurt/ Jena: Sind Wildkatzen wirklich noch wild oder haben sich die wenigen Vorkommen längst mit Hauskatzen vermischt? Zur Beantwortung dieser Frage haben der BUND Thüringen und die Universität Jena heute den Start eines gemeinsamen Forschungsvorhabens bekannt gegeben.
Katzenhaare werden im Freiland gesammelt und mit einem genetischen Verfahren, vergleichbar dem Gentest, untersucht. Für die genetischen Analysen und den Aufbau einer Gendatenbank konnte mit dem Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit Phyletischem Museum unter Leitung von Prof. Dr. Martin Fischer an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein international renommierter Partner gewonnen werden.
„Wenn wir die Wildkatze schützen wollen, brauchen wir Gewissheit, dass die Katzen in den Wäldern noch echte Wildkatzen sind und ihre genetische Identität nicht durch die Vermischung mit Hauskatzen verloren haben,“ erklärte Dr. Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen. Durch die Analyse von Haarproben aus dem Freiland könne auch die Wirksamkeit von Vernetzungsmaßnahmen, welche im Projekt „Rettungsnetz Wildkatze“ umgesetzt werden, großräumig untersucht werden.
„Wir vermuten, dass sich Wildkatzen in waldreichen Landschaften nicht mit Hauskatzen vermischen. Erst wenn der ursprüngliche Lebensraum verloren geht, steigt die Anzahl von sog. Blendlingen in der Population“, erläuterte Prof. Dr. Martin Fischer vom Lehrstuhl für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Uni Jena. Anlass für diese Hypothese gebe der Vergleich Thüringer und schottischer Wildkatzen. Während das Ergebnis einer eigenen Pilotstudie an Thüringer Wildkatzen zeige, dass sich unter 69 untersuchten Katzen lediglich ein einziger Blendling fand, wiesen die Arbeiten an schottischen Wildkatzen eine Bastardrate von über 40% aus. Um diese Hypothese zu stützen, seien weitergehende Untersuchungen notwendig. Der BUND und die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Fischer wollen Wildkatzenpopulationen aus ganz Europa in die Untersuchungen mit einbeziehen.
Ziel der Kooperation zwischen BUND und Uni Jena ist es, die Wildkatze als Indikator für die Qualität von Programmen zur Vernetzung von Wäldern zu etablieren. Dazu soll eine wissenschaftlich abgesicherte Langzeitbeobachtung zur Wiederausbreitung der Europäischen Wildkatze am Lehrstuhl für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie eingerichtet werden.


Die Europäische Wildkatze als Zielart des Ökosystems Wald und als Indikator für die Qualität von Waldlebensräumen

Obwohl sich die Europäische Union zum Ziel gesetzt hat, den Verlust an Biodiversität bis zum Jahr 2010 zu stoppen, schreitet der Artenrückgang ungebremst voran. Wichtigste Ursache ist neben dem Verlust an naturnahen Habitaten die zunehmende Fragmentierung der Landschaft. Die stetige Zunahme von Siedlungs- und Gewerbeflächen, der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft führen dazu, dass immer weniger großflächig unzerschnittene Naturräume zur Verfügung stehen.

Besonders betroffen von diesem Prozess sind Waldlebensräume. Sie gehören zu den ursprünglich dominierenden Lebensräumen in Europa und bedeckten nach der letzten Eiszeit weite Teile des Kontinents. In vielen europäischen Ländern gibt es heute wie in Deutschland keine zusammenhängenden naturnahen Waldgebiete mehr mit über 100 km2 Fläche. Der Trend zur fortschreitenden Fragmentierung besonders von Waldlebensräumen konnte bisher nicht gestoppt werden, obwohl zahlreiche, aber meist zu kleine Naturschutzgebiete eingerichtet wurden.

Für viele Arten werden die verbleibenden Wälder zu Lebensrauminseln in einer immer intensiver genutzten Kulturlandschaft. Die Fragmentierung des Waldes stellt eine der größten Gefährdungen für viele Arten dar. Für große Säugetiere, die als Leitarten für die von ihnen bewohnten Lebensräume gelten, wie Dachs, Rotwild und Wildschwein, sowie für Brutvogel¬arten sind die negativen Auswirkungen der Fragmentierung wissenschaftlich belegt.

Herausragendes Beispiel für den Prozess der Fragmentierung ist die Wildkatze, da es sich bei dieser Art um eines der letzten großen Säugetiere der europäischen Waldökosysteme handelt, die noch eine weite, wenn auch diskontinuierliche Verbreitung in ganz Europa aufweisen. Die Wildkatze kann als besonders anspruchsvolle Art und auch aufgrund ihrer Stellung an der Spitze der Nahrungspyramide als zentraler Indikator für die Qualität von Waldlebensräumen gelten, so dass ihr Schutz dem gesamten Ökosystem zugute kommt. Als Leitart ihrer Biozönose lassen sich an der Wildkatze zudem modellhaft grundsätzliche Gefährdungs¬ursachen für das langfristige Überleben bedrohter Arten untersuchen, die letztlich dem Management gefährdeter Arten insgesamt dienen. Neben dem wildkatzenspezifischen Aspekt der Hybridisierung mit der Hauskatze ist dies vor allem die genetische Verarmung isolierter Teilpopulationen in fragmentierten Arealen. Ohne eine Vernetzung der Restlebensräume der kleinen und isolierten Populationen und die Möglichkeit zur Wiederausbreitung ehemals besiedelte Areale bestehen für Wildkatzen schlechte Voraussetzungen für ihre langfristige Erhaltung in Europa.

Daher sollen im Hainich, der eines der letzten großen Verbreitungsgebiete der Wildkatze in Deutschland darstellt, wie an mehreren anderen europäischen Standorten beispielhaft die Wirksamkeit von Biotopverbundkonzepten untersucht werden.

Der genetische Status der Wildkatze

Die mögliche Hybridisierung mit Hauskatzen stellt ein für Wildkatzen spezifisches, zusätzliches Gefährdungspotential dar. Für den wissenschaftlichen Naturschutz ist es damit eine höchst brisante Frage, ob sich die Europäische Wildkatze umgeben von Millionen von Hauskatzen in ihren Eigenarten erhalten hat, oder ob wir – überspitzt formuliert – Millionen von Steuergeldern für den Schutz von mehr oder weniger verwilderten Hauskatzen ausgeben.

Bislang sind nur in Schottland, Ungarn und in Thüringen sowie in geringerem Umfang in Italien Studien durchgeführt worden, bei denen molekulargenetische Methoden am gleichen Untersuchungsmaterial parallel zu anatomischen Analysen zum Einsatz kamen. Während das Ergebnis unserer Pilotstudie an Thüringer Wildkatzen zeigte, dass sich unter 69 untersuchen Katzen lediglich ein einziger Blendling (Hybride) fand, weisen die Arbeiten an den schottischen Wildkatzen eine Hybridisierungsrate von über 40% auf.

Die Lösung dieses Widerspruchs scheint nun die Ökologie der Wildkatze selbst zu bieten. Unsere Hypothese ist, dass die Wildkatze nicht mit der Hauskatze hybridisiert, solange sie eine ‚Waldkatze’ ist. Erst nach Verlust ihres ursprünglichen Lebensraums, wenn sie also funktionell eine ‚Feldkatze’ geworden ist, scheint sie sich dann aber in erheblichem Umfang mit der Hauskatze zu verpaaren.
Damit ist wahrscheinlich gerade der Hybridisierungsgrad der Wildkatze ein zuverlässiger Indikator für die Qualität von Waldhabitaten.


zurück zu: Pressemitteilungen 2006                                       03. November 06>>

Quelle: http://www.bund-thueringen.de/service/presse_archiv/pressemitteilungen_archiv_2006/november/20112006_wie_wild_ist_die_wildkatze/