BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Das BAUMKREUZ - Skulptur. Erinnerungsort. Denkmal.

Foto links: Michael von der Lohe
Foto rechts: Frank Wilhelmi

[Text von Ralf-Uwe Beck]
Joseph Beuys hatte 1982 zur documenta 7.000 Basaltsäulen in der Kasseler Innenstadt abkippen lassen. Immer wenn ein Baum gepflanzt wird, sollte ein Stein daneben gesetzt werden. 1987 war der Steinhaufen abgetragen und der letzte Baum gepflanzt. Beuys hat die Vollendung des Projektes „7.000 Eichen“ nicht mehr erlebt; er ist 1986 gestorben. Seine Mitarbeiter, Wegbegleiter wie der Künstler Johannes Stüttgen und der Landschaftsarchitekt Norbert Scholz, haben gemeinsam mit dem Unternehmer Frank Wilhelmi kurz nach der Grenzöffnung unangemeldet bei mir auf der Matte gestanden: „Guten Tag, wir sind Künstler. Wir wollen eine Allee von Kassel nach Eisenach pflanzen.“ Und da bereute ich schon, dass ich die überhaupt hereingelassen hatte: „Tut mir leid, aber Bäumchen pflanzen. ... Straßen garnieren, das ist mir zu unpolitisch, das muss ich nicht auch noch mitmachen.“ Darum gehe es auch nicht. Es gehe um mehr als Bäume, es gehe um eine soziale Skulptur. Ohne es ahnen, war ich mit diesem Gespräch bereits Teil dieser Skulptur und der Überlegung geworden, was jetzt zu tun ist nach und mit dieser geöffneten Grenze. Wir haben uns geeinigt: Dieses Projekt ist ein Lebenswerk. Wir sollten es dort beginnen, wo das Land zerschnitten war und dann in beide Richtungen pflanzen.

Die ersten 140 Bäume wurden am 16./17. November 1990 in die Erde gesetzt: Eine dreireihige Eschen-Allee auf dem ehemaligen Todesstreifen beiderseits des Grenzzauns und eine Lindenallee entlang der B 7. Der Grenzzaun ist Teil dieses lebendigen Denkmals. Der damalige Abrüstungs(!)minister Rainer Eppelmann hatte uns auf einen Brief hin kurzerhand genehmigt, den Grenzzaun zu erhalten. Heute ist es vermutlich das längste original erhaltene Stück in ganz Deutschland.

Seit der ersten Pflanzung treffen sich an jedem ersten Novembersamstag Menschen aus ganz Deutschland, um das BAUMKREUZ zu pflegen und weiter zu pflanzen. Deutlich mehr als tausend Bäume sind in zwei Jahrzehnten in die Erde gesetzt worden. Lange Alleeabschnitte gibt es auf Eisenach zu, auch Dank der Unterstützung durch das Thüringer Straßenbauamt. Seit 2004 wird auf der hessischen Seite in Richtung Kassel gepflanzt. Es ist wie in der Geschichte von dem Mann, der vor seinem Haus angefangen hatte Bäume zu pflanzen und bis an sein Lebensende damit nicht aufgehört hat. Je mehr Jahre ins Land gingen, umso weiter musste er laufen, um an dem Rand des Waldes weiterpflanzen zu können. Auch die, die jedes Jahr im November das BAUMKREUZ fortpflanzen, müssen immer weiter fahren – bis ans Ende der in den letzten Jahren gepflanzten Allee.

Zur „BAUMKREUZ-Gemeinde“ gehören Künstler aus Düsseldorf und Köln, Unternehmer aus Frankfurt, Landschaftsgärtner aus Kassel, kirchliche Gruppen aus der Region, Naturschützer, Bürgerrechtler und Bürger aus Ifta und Eisenach. Die Menschen gehören genauso zur Skulptur wie die Bäume und der Grenzzaun. So ist das BAUMKREUZ Ausdruck dafür, dass wir verändern können, wenn wir es wollen. Wer einen Baum pflanzt, ist verantwortlich dafür, dass er alt werden kann. Das ist schon lange nicht mehr selbstverständlich. Mit dem BAUMKREUZ ist angekreuzt, dass wir uns zu kümmern haben. Gleichzeitig ist aber auch durchkreuzt, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die Bäume wachsen. Damit ist die Skulptur BAUMKREUZ Symbol für den Willen, Grenzen zu überschreiten, vor allem die Grenzen des Denkens. So unterschiedlich diese Menschen auch sind, die sich da immer wieder treffen, sie wollen über den Tellerrand denken und verbinden, was getrennt oft Probleme macht: Wirtschaft und Kunst, Kapital und Demokratie, Ökologie und Wirtschaft, Arbeit und Lebenssinn. Auch daran erinnert uns das BAUMKREUZ. Schaut man aus einem bestimmten Blickwinkel auf den Metallgitterzaun, wirkt er wie eine undurchdringliche Wand. Verändert man aber den Blickwinkel, lässt er den Blick durch, der sich weitet hinüber auf die andere Seite.

Das BAUMKREUZ ist erlebbar, begehbar. Es ist eine Einladung, zwischen den Bäumen am Grenzzaun entlang zu gehen. Wer zwischen den schon erwachsenen Eschen den Hügel hinauf ans Ende des Grenzzauns läuft, wird von selbst still. Im Frühjahr und Sommer geht es durch ein Bett aus Kräutern: Natterkopf und Wilde Malve, Wegwarte und Seifenkraut, Leinkraut, Eselsdistel, Reseda und die Königskerze. Angesät nach der Baumpflanzung. Im Winter tritt man Spuren in den Schnee wo nie Spuren sein durften. Der Streifen direkt am Grenzzaun wurde jahrzehntelang mit Herbiziden totgespritzt und glattgewalzt, um jeden Schritt auf das verbotene Terrain entdecken zu können. Unweigerlich berührt man das Metallgitter und ahnt etwas von den Wunden, die diese Grenze geschlagen hat. Vielleicht in 100 Jahren wird der Zaun in sich zusammengefallen sein. Aber dann „wäre kein ‚Gras über die Geschichte’ gewachsen, sondern Geschichte hätte sich über den Umweg der bürgerschaftlichen Aktion ebenso gestaltend wie deutend in die Landschaft eingeschrieben“, vermerkt Maren Ullrich in ihrem Buch „Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze“ über das BAUMKREUZ. Die Allee wird weiter wachsen und zeigen, dass Menschen hier ein Zeichen setzen wollten. Alleen sind keine Laune der Natur, sie sind nie Zufall. Sie sind Menschenwerk. Eine Allee mitten in der Landschaft lässt uns fragen, warum sie gepflanzt wurde, mit welchen Hoffnungen und Wünschen.

(Der Abdruck des Beitrages, auch in Auszügen, ist bei Angabe der Quelle erlaubt.)

Pflanzplan

Meinungen zur Aktion BAUMKREUZ

Wenn das keine Kunst ist
Die Bäume sind Symbol der Lebenskräfte, der Nachhaltig- und Dauerhaftigkeit, der Geschichte und der Erfahrungen. So ist auch die Entwicklung des Menschen untrennbar mit der Entwicklung der Bäume verbunden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist ohne Bäume nicht denkbar und lebbar. Das Pflanzen eines jungen Baumes ist eine konkrete Handlung und zugleich ein Zeichen, das weit in die Zukunft reicht, denn erst nachfolgende Generationen erleben die volle Wirkung des Baumes. … zwar nimmt sich das Pflanzen von Bäumen angesichts der allgegenwärtigen und leichtfertigen Zerstörungen gewachsener Strukturen und Bedrohungen unserer Lebensräume durch den sogenannten Fortschritt als bescheidener Zugriff aus. Aber dieser Zugriff als Zeichensetzung, wird dennoch sichtbar und wirksam und das umso mehr mit jedem weiteren gepflanzten Baum.“
Norbert Scholz, Landschaftsplaner und leitender Mitarbeiter der Pflanzung „7000 Eichen“ und des BAUMKREUZes

Es ist ein Stück neuere Geschichte, aber es wird zur Historie werden
„Der Gedanke oder die Idee, eine Skulptur, das Baumkreuz zu pflanzen, kam zunächst für uns sehr überraschend, will in dieser schwierigen Zeit des Umbruchs sich keiner mit solchen Gedanken befasste. Das ist sicherlich verständlich gewesen zu dieser Zeit, aber ich denke, dass wir uns mit dieser Idee identifiziert haben. Und das kann ich nicht nur mich in Anspruch nehmen, sondern für viele Andere auch, besonders die jungen Leute, welche sich dort sehr tatkräftig beteiligt haben, sprich: Kinder und Jugendliche der Iftaer Schule und Mitglieder unserer Umweltgruppe. Ich denke schon, dass das BAUMKREUZ insgesamt nicht nur regionalen Charakter hat. Es ist ein Stück Geschichte, ein Stück neuere Geschichte zwar, aber es wird zur Historie werden“.
Rüdiger Schwanz, Bürgermeister von Ifta (1990)

Der Baum ist ja schon an sich ein Kunstwerk
„Wir hatten damals bei der Grenzöffnung auch vor, eine Eiche zu pflanzen. Durch das BAUMKREUZ ist jetzt tatsächlich ein Symbol da. Der Baum ist an sich schon ein Kunstwerk. Und da sie jetzt noch als ein Kreuz gepflanzt wurden, zusammen mit der Grenze, also ich empfinde es als Kunstwerk. Der Baum ist Symbol für Leben. Wenn der Baum stirbt, dann sterben wir auch, Das der Wald stirbt, ist ja schon eine Tatsache“.
Erich Siemon, Maurer im Ruhestand (1990)


Die zwei Illusionen
„Wer glaubt, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sei die Frage nach einer Alternative zum westlichen Kapitalismus erledigt, gibt sich einer Täuschung hin. In Wahrheit hat sich von zwei großen Illusionen die erste aufgelöst, nämlich die Annahme, es könne auf Dauer eine Gesellschaftsform funktionieren, welche die Freiheit des Individuums nicht zulässt. Staatlicher Dirigismus richtet sich gegen die Selbstbestimmung des Menschen, damit neutralisiert er die menschliche Schöpferkraft, die dich Grundlage jeder fruchtbaren Arbeit ist. Die zweite Illusion, die sich zunächst als die erfolgreichere herausgestellt hat, besteht in dem Glauben, eine an Profitmaximierung orientierte Wirtschaftsordnung (und nur sie) gewährleiste die freie Entfaltung eben dieser Schöpferkraft. Tatsächlich sehen wir heute am Ende des 20. Jahrhunderts immer klarer, dass ein solches Freiheits- und in ihm fußender Wirtschaftsbegriff zu kurz gegriffen ist, und dass er sowohl die Erde als auch die Seelen verwüstet“.
Johannes Stüttgen, Künstler (1990)

Das Land, in dem Milch und Honig fließen
Predigt von Ralf-Uwe Beck anlässlich 10 Jahre Grenzöffnung (1999)
Die ganze Predigt können Sie als PDF (34 KB) herunterladen.

Pflanzchronik

1990     BAUMKREUZ: 100 Eschen, 40 Linden
1991     20 Linden, Ifta; 71 Linden, Creuzburg
1992     20 Linden, Creuzburg
1992-    94 Linden, Wilhelmi-Werke, Lahnau
1995     40 Eschen, 50 Linden, BAUMKREUZ
1996     140 Linden, Creuzburg – Eisenach
1997     Pflegemaßnahmen
1998     100 Linden, BAUMKREUZ – Ifta
1999     100 Linden, Ifta
2000     100 Linden, Ifta – Creuzburg
2001     100 Linden, Ifta – Creuzburg
2002     100 Linden, Creuzburg
2003     60 Linden, Eisenach
2004     40 Linden, BAUMKREUZ – Rittmannshausen
2005     31 Eschen, BAUMKREUZ
2006     27 Apfelbäume, Rittmannshausen – Netra
2007     15 Apfelbäume, Rittmannshausen – Netra
2008     Pflegemaßnahmen
2009     10 Linden, 10 Eschen, BAUMKREUZ
2010     20 Linden, 8 Eschen, BAUMKREUZ, Ifta – Creuzburg
             4 Linden, 21 Apfelbäume, Netra
2011     38 Apfelbäume, 1 Birne, Netra – Röhrda
2012     3 Linden, BAUMKREUZ
2013     15 Eschen, BAUMKREUZ


Gepflanzt und gepflegt wird in jedem Jahr am ersten Samstag im November, ab 9 Uhr.
Treffpunkt ist das BAUMKREUZ.

Schautafel

Am BAUMKREUZ selbst informiert diese große Schautafel. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Grenzzaun und den Bäumen. Es lohnt, zwischen den Bäumen, am Grenzzaun entlang ein Stück den Hügel hinaufzusteigen.

Kontakt

Die Aktion BAUMKREUZ gestalten:

Konstantin Adamopoulos, Köln
Ralf-Uwe Beck, Theologe, Eisenach
Matthias Kirsten, Bauingenieur, Bad Salzungen
Norbert Scholz, Landschaftsarchitekt, Kassel
Rüdiger Schwanz, Ifta
Johannes Stüttgen, Künstler, Düsseldorf
Michael von der Lohe, Fotograf, Hattingen
Frank Wilhelmi, Unternehmer, Frankfurt am Main

Evangelische Kirchengemeinde Ifta
Mehr Demokratie e.V., Landesverband Thüringen
OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE gGmbH

BUND Thüringen
Landesgeschäftsstelle
Karin Kowol
99084 Erfurt
Tel.: 0361/555 03 13
Fax: 0361/555 03 19
karin.kowol@bund.net

Kontakt vor Ort:
Ralf-Uwe Beck
0172-7962982
rubeck@t-online.de

 

Kontakt nach Hessen:
Frank Wilhelmi
0172-6856582
fhe.wilhelmi@t-online.de

Quelle: http://www.bund-thueringen.de/themen_und_projekte/aktion_baumkreuz/