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Landesverband Thüringen e.V.

Munitionsräumung im zukünftigen Nationalpark Hainich

28. August 1997 | Naturschutz, Lebensräume, Wildkatze

BUND Thüringen kritisiert "verheerende Natureingriffe"

Erfurt. Scharfe Kritik an der derzeitigen Munitionsräumung im Gebiet des zukünftigen Nationalparks Hainich übt der Landesverband Thüringen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Nach Angaben des BUND Thüringen wird für diese Räumungsmaßnahmen seit einigen Wochen neue Großtechnik, sog. Mulcher, eingesetzt, durch die ganze Heckenstreifen direkt über dem Boden abgeschnitten und zerschreddert werden . Im Rahmen einer Pressekonferenz am heutigen Tag in Erfurt sprach der Landesvorsitzende des BUND Thüringen und stellvertretende BUND-Bundesvorsitzende, Ralf-Uwe Beck, in diesem Zusammenhang von einem naturschutzpolitischen Skandal: "Durch diese Art der Räumung werden großflächig wertvolle und unter Schutz gestellte Naturräume geradezu verwüstet. Diese staatlich sanktionierte Natur- und Landschaftszerstörung sucht bundesweit ihresgleichen. Zurück bleibt eine zerhäckselte Nationalparklandschaft", so Beck.

Die Beräumung von Munition und Munitionsresten durch die Standortverwaltung bzw. durch das von ihr beauftragte Privatunternehmen ADI Deutschland GmbH war auch bislang mit Eingriffen in Natur und Landschaft verbunden, wie etwa das Aufsägen und Verrücken von liegendem Totholz, das Schlagen von kilometerlangen Schneisen in Sukzessionsbereiche und der ausgedehnte Wegebau. "Mit dem Einsatz der neuen Räumtechnik und der damit verbundenen großflächigen Vernichtung von Hecken und Waldsäumen haben diese massiven Eingriffe nunmehr jedoch ein nicht mehr hinnehmbares Ausmaß angenommen. Damit werden die langjährigen und überaus mühseligen Bestrebungen zum Schutz dieses Gebietes geradezu konterkariert", so Michael Spielmann, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen.

Der BUND habe deshalb den für den ehemaligen Truppenübungsplatz Weberstedt zuständigen Bundesminister für Verteidigung, Volker Rühe (CDU), angeschrieben und ihn aufgefordert, die Zerstörung wertvollster Bereiche dieses in Europa einmaligen Naturraumes schnellstmöglich zu unterbinden und den Einsatz von Räumungs-Großtechnik zu untersagen.

Da das von der Munitionsräumung betroffene Gebiet bereits Ende des vergangenen Jahres als Naturschutzgebiet einstweilig sichergestellt wurde, stelle sich vor diesem Hintergrund auch die Frage nach der Verantwortung der Thüringer Landesregierung. Nach Ansicht des BUND ist es "völlig unverständlich", daß das Landesverwaltungsamt als zuständige Behörde die Munitionsberäumung ohne strenge Auflagen genehmigt habe. Zwar sei nach Angaben der Behörde die Räumung bis zum 1. September auf weniger sensible Bereiche begrenzt worden. Spätestens nach diesem Termin drohe jedoch die Fortsetzung des "unverantwortlichen Naturzerstörungswerkes im Herzen des zukünftigen Nationalparkes". Umweltminister Volker Sklenar (CDU) sei gefordert, diesem "Spuk" unverzüglich ein Ende zu machen, so der BUND.

Immerhin seien durch diese Art der Munitionsberäumung im Gebiet vorkommende gefährdete Arten einschneidend betroffen. Vernichtet würden die Bruten zahlreicher heckenbrütender Vogelarten, darunter der im Gebiet brütende und in der Roten Liste Thüringen als "stark gefährdet" eingestufte Raubwürger (Lanius excubitor). Auch der in der Roten Liste Thüringen ebenfalls als "stark gefährdet" eingestufte Laubfrosch (Hyla arborea), der sich um diese Jahreszeit vorzugsweise in den Hecken aufhält, sei massiv bedroht, ebenso zahlreiche Insektenarten und verschiedene Säugetiere, die Hecken, Waldsäume und Dornstrauchdickichte als Tagesunterschlupf, Jagdgebiet oder zur Jungenaufzucht nutzen. Dazu zähle auch die in Thüringen vom Aussterben bedrohte Wildkatze (Felis silvestris). Nach Angaben des BUND, der in dem betroffenen Gebiet seit rund eineinhalb Jahren Wildkatzen besendert und so deren Lebensweise untersucht, sind bereits jetzt nachweislich Schläfplätze der Wildkatze und damit ihr unmittelbarer Lebensraum zerstört worden.

Dabei sei fraglich, inwieweit eine Munitionsberäumung in unzugänglichen Heckenbereichen überhaupt notwendig sei, zumal wenn diese - wie etwa der jüngst beräumte Segelsberg -  gar nicht im ehemaligen Zielgebiet liegen und wahrscheinlich nur eine geringe Munitionsbelastung aufweisen würden. Anstelle einer rigorosen und teilweise auch unsinnigen Beräumung im "Hauruck-Verfahren" sollte ein längerfristiges Konzept für die Beräumung wertvoller Hecken- und Sukzessionsbereiche entwickelt und in einem Zeitraum von mindestens zwei Jahren umgesetzt werden, so der BUND abschließend.  

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