Landesverband Thüringen e.V.
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Rede von Ralf-Uwe Beck auf der Bundesdelegiertenversammlung vom 19.-21.11.1999 in Bad Hersfeld

Liebe Delegierte aus Ost und West,
wir haben in den letzten Wochen viele Sätze gehört, die begannen mit "Heute vor 10 Jahren..."- manche können's kaum noch hören und ich kann das gut verstehen. Dennoch ist genau dieses Jubiläum Anlaß dafür, daß hier auf der Tagesordnung steht "10 Jahre Arbeit des BUND in den neuen Ländern". So ganz stimmt das nicht; die ersten Gründungen von Landesverbänden im Osten waren im Frühjahr 90. Daß wir aber nicht im nächsten Jahr einen Rückblick wagen, sondern bei dieser Delegiertenversammlung, hat damit zu tun, daß sich eben jetzt die Bewegung zum zehnten Male jährt und im nächsten Jahr die Deutsche Einheit. Und Wende und Deutsche Einheit sind zwei paar Schuhe - für mich so unterschiedlich wie Wanderschuhe und Filzpantoffeln. Dem BUND sind die Wanderschuhe sicher näher. Wenn wir ein paar Minunten hernehmen, uns zu erinnern, dann besser in diesem Jahr, wo sich der Herbst der Kerzen zum 10ten Male jährt.  

(weitestgehend angepaßt an das gesprochene Wort) 

Meilensteine

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Mauerfall

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Von da an ging es nicht mehr nur um die Wurscht, sondern auch um die Bananen. Und trotzdem war es einer der glücklichsten Tage in diesem Herbst 1989. Daß aus dem „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk“ wurde, muß nicht verwundern. Es macht nur noch einmal ganz aus der Nähe klar, welche Anziehungs- und Überzeugungskraft dieses reiche und saubere Deutschland auf andere Menschen und Länder hat. Das ist es doch, was ich in dem „Zukunftsfähigen Deutschland“ wiederfindet, daß dieses Deutschland für die Entwicklungsländer, die sich entwickeln wollen und sollen, ein Modell ist, daß aber, wenn die nachmachen, was wir vormachen, diese Erde unweigerlich im Ökokollaps landen muß und wir eben deshalb dieses Modell Deutschland zu verändern haben. Die Leute im Osten können das nachvollziehen; sie haben sich ja selbst erlebt als Menschen, die von diesem großen Kuchen etwa abhaben wollten.

Ganz sicher ist mit dem Mauerfall viel Bewegung, sind viele Pläne in den Supermärkten geblieben. Und trotzdem hat es nach dem Mauerfall noch ein richtig gutes Stück DDR gegeben. Das beginnende Jahr 1990 habe ich als eines der hoffnungsvollsten erlebt. Das war die DDR des Rundes Tisches, die DDR ohne Geheimdienst, die DDR mit einem Abrüstungsminister. Diese DDR ging schonungslos mit sich um und hat sich selbst damit die unbegrenzten Möglichkeiten neuer Entwicklung gegeben. Das war ein unglaublicher Klärungsvorgang, in dem sich das Land selbst entlarvt hat, aufgedeckt hat, was Jahrzehnte bekannt war, aber nicht bekannt gemacht werden durfte. Für den Umweltbereich gab es einst den Geheimnisschutz für Umweltdaten - eine DDR-Verordnung. Die war jetzt aufgehoben: Die 11.000 wilden Mülldeponien durften endlich so auch genannt werden. Der Uranabbau war nicht mehr Ruhm des Bergbaus, sondern Zerstörung der Superlative. Die 180.000er Schweinemastanlage im Plothener-Teichgebiet war nicht mehr der vorbildliche Exportbetrieb sondern nur noch eine große Sauerei.
Und gleichzeitig dieses neue und gute Gefühl, plötzlich für etwas eintreten zu können. Wir haben diskutiert, ob die DDR eine Automobilindustrie braucht (manch einer hat ja behauptet, wir hätten nie eine gehabt, weil Trabis und Wartburg ja keine Autos gewesen sind) - schließlich hat Österreich auch keine und hat bisher überlebt. Wir wollten stattdessen Blockheizkraftwerke und Solaranlagen bauen und haben das mit der Werksleitung diskutiert. Wir sind mit Planungsbüros Dorfränder abgeschritten und haben nach Flächen für Wurzelraumkläranlagen gesucht.

Die Wende hatte mit dem 9. November 1989 nicht ihren letzten Tag. Das muß gerade in diesen Wochen einmal gerade gerückt werden. Ich habe ein Interview mit Mischnik [wer war das Anm. der Redaktion] gehört, der sich an den Mauerfall erinnert und gesagt hat - und er ist nur ein Beispiel, das sagen viele ganz ähnlich – dass er damals gedacht habe: Ja, jetzt mit dem Mauerfall hat sich der Aufbruch der Menschen in der DDR, der ja ein Aufbruch ins Ungewisse war, gelohnt. Das ist doch eines der großen Mißverständnisse, mit denen der Westen die damalige Bewegung des Ostens einzuordnen versucht. Wer so mit dem Herbst 89 umgeht, will doch den Frühling, der da drin war, nicht wahrhaben, kann ihn vielleicht auch nicht wahrhaben, weil er nicht im Osten gelebt und die Wende nicht erlebt hat. Die Wende und die Deutsche Einheit sind nicht eins. Diese Versuche, der Wende im Museum für Deutsche Geschichte einen Platz zuzuweisen (Platz, Wende, Platz, Sitz), sind Vereinnahmungen der Ideen und Ideale, der Träume und Fragen, die daraus für das ganze Deutschland resultieren. Da bereits beginnt die Verdrängung, dass es gerade nach dem Mauerfall eine Chance gegeben hätte, dieses Deutschland insgesamt zu verändern. Mit der offenen Grenze und der Diskussion um die Deutsche Einheit haben sich die Fragen wie von selbst an das ganze Land gestellt: Wieso braucht es denn einen Geheimdienst; wir haben den im Osten - einen nicht gerade zimperlichen - besetzt und ausgeräumt? Kann nicht der Runde Tisch mit seiner Kultur und der selbstverständlichen Beteiligung von NGO’s - wenn man so will - Demokratie insgesamt bereichern? Und so weiter.
Das war ja dann nicht mehr nur unsere Hoffnung im Osten, das war ja auch die Hoffnung der Bewegung im Westen, was uns sehr gut getan hat.  

Herbst 1989

Im Herbst 89 war hier in Bad Hersfeld wie im ganzen Bundesgebiet richtig Herbst, wie jetzt, mit Nebel und kalt. Nur wenige Kilometer von hier entfernt war eine andere Jahreszeit. In der DDR war der Herbst 89 ein Frühling.
Ich habe überlegt, was diesen Herbst 89 ausgemacht hat und ich denke: Wir haben damals die Maschinerie der Angst angehalten.
In jedem Kopf war diese Maschinerie der Angst eingepflanzt. Und die funktionierte selbst schon bei Kindergartenkindern. Immer dann wenn ein Gedanke auf dem Weg war, ausgesprochen und zu einem wahren Wort zu werden, wurde diese Maschinerie in Gang gesetzt: Was kann mir passieren, welche Repressalien habe ich zu erwarten, meine Kinder könnten die Lehrstelle nicht bekommen, den Studienplatz sowieso nicht, keinen Passierschein ins Grenzgebiet für den Besuch der Großeltern, die Reise in den Westen zum 85. meiner Tante könnte platzen, ich könnte im Knast landen. In diesem Räderwerk ist die Wahrhaftigkeit zermalmt worden. Und dieses Räderwerk ist im Herbst 89 zum Stillstand gekommen. Das war aber kein Ruck durch die DDR. Das ging langsamer als mancher heute denkt. Da ging es um jeden Kopf von den 17 Millionen, um 17 Millionen Seelen. Einzeln, jeder für sich. Das war noch nicht ausgestanden, als in der ARD die ersten Bilder von den Montagsdemos gezeigt wurden. Als wir mit den letzten Haushaltskerzen (die plötzlich Mangelware waren) zu den ersten Friedensgebeten gingen, war die Maschinerie noch intakt und wir hatten Angst - zu Recht wie sich später herausstellte. Aber wir waren stärker, gemeinsam. Ich erinnere mich an eine Kirche in Eisenach, die war so voll, daß alle, die drinnen zu den Leuten geredet hatten auch nach draußen gehen mußten, weil dort alle auf dem Marktplatz standen, die nicht mehr hineinpaßten. Und einer ging also hinaus und stieg auf den Rand des Marktbrunnens und sagte: Ich heiße...ich wohne..., ich arbeite... . Dieser Mann hatte öffentlich mitgeteilt, daß seine Maschinerie der Angst und damit dieses Regime keine Macht mehr über ihn hatte. Diese Erfahrung hat aus dem Herbst einen Frühling gemacht.

Die Menschen sind damals durch die Kirchen auf die Straßen und Plätze gezogen. Von außen sieht das selbstverständlicher aus als es ist. Daß die Kirchen ihre Türen geöffnet haben, war aber das Ergebnis von jahrelanger ermüdender Kleinarbeit, die die Gruppen der Friedens-, Gerechtigkeits- und der Umweltbewegung geleistet haben. Die haben dafür gesorgt, daß es diese Nadelöhre ins Freie gab, in Freiräume, oder viel einfacher: in freie Räume.

Und dort ging es dann um die wirklichen Mangelwaren des Ostens, um Recht und Gerechtigkeit, um Presse- und Meinungsfreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit. Aber auch um sauberes Wasser für unsere Flüsse ging es und darum, daß Gülle nicht länger in Seen gepumpt wird, um ein Ende des Uranbergbaus und Filter in Schornsteinen, um Pseudokrupp bei unseren Kindern und die niedrigere Lebenserwartung im Chemiedreieck. „Die DDR braucht die SED wie der Wald die Abgase.“ - war eine der Losungen der Wende. Die Forderung nach einem Wechsel in der Reihenfolge „Ökonomie vor Ökologie“ war nicht nur ein Anhängsel, wie wir das von bundesdeutscher Politik kennen und von DDR-Politik kannten, sondern war eine der zentralen Forderungen dieser Bewegung.  

Deutsche Einheit

Aber die Wende war noch kein Jahr alt - da hat sich der Wind gedreht, aus Ostwind wurde Westwind. Die Deutsche Einheit war eben nicht Ergebnis eines Prozesses der Auseinandersetzung mit den Ideen und Idealen aus dem Herbst 89, wie wir das noch Frühjahr 90 gehofft hatten, sondern ein Beitritt des Ostens an die Bundesrepublik Deutschland nach Paragraph 23 Grundgesetz.
Und damit hatte es sich mit dem (zugegeben naiven) Traum von einem sozial gerechten, pazifistischen - ja und auch ökologisch orientierten Land. Günter Grass hat ja die Einheit deshalb auf den prägnantesten Punkt gebracht, indem er sagte, das sei ein großer Pfusch gewesen.

Genau in diese Enttäuschung hinein wurden die Landesverbände des BUND im Osten gegründet, im Frühjahr 1990 die ersten - vor der Unterzeichnung des Einigungsvertrages. Wir wollten vorbereitet sein und uns als Teil einer Umweltbewegung verstanden wissen, die Erfahrungen hatte mit diesem uns so fremden Deutschland, die vorbereitet sein mußte auf das, was auf uns zurollte. Es war also eine bewußte politisch notwendige Entscheidung, nicht einen eigenen Weg zu versuchen, unabhängig von der westlichen Umweltbewegung- wie das etwa die Grüne Liga versucht hat.

Die Ansprüche aus dem Herbst 89 mußten zwangsläufig kollidieren mit der Deutschen Einheit. Das Vorhaben, die Lebensverhältnisse Ost-West anzugleichen, oder genauer gesagt, Ost an West anzugleichen, konnte doch nur bedeuten, daß nunmehr auch die Probleme des Westens übertragen werden auf den Osten. Kohls Rede von den blühenden Landschaften meinte doch, daß die Landschaften des Ostens, die Wirtschafts-, Lebens- und Kulturlandschaften nach westdeutschem Vorbild gestaltet werden sollen. Das ist das Versprechen der Deutschen Einheit. Und hierbei war nicht vorgesehen, genauer zu prüfen, welche Ansätze im Osten für eine zukunftsfähige Entwicklung vorhanden waren. Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht, schon gar nicht, wenn es im Osten gewachsen ist und der Bauer verbeamtet ist:

  • Manche ostdeutsche Stadt war zu 50% fernwärmeversorgt, eine hervorragende Voraussetzung für den Ausbau von Kraft-Wärme-Kopplung. Für die Energiekonzerne ein Graus und damit erledigt.
  • 71,5% der Güter wurden 89 in der DDR von der Reichsbahn bewegt, in den Altbundesländern nur 21,6%.
  • Über 35% der Personenkilometer in der DDR gingen auf das Konto der Bahn gegenüber 15% in Westdeutschland.
  • Es gab ein Tempolimit, das BUND-Forderungen entsprochen hätte.
  • Bei der Erfassung und Trennung von Sekundärrohstoffen waren die Ossis Europameister. - Im Glasbereich 100% Mehrweg (da konnte es schon vorkommen, daß man den Schnaps in einer Bohnerwachsflasche zu kaufen bekam).  
Aufschwung Ost

Aufschwung Ost war die Lösung unter der all die Konzepte aus den Zeiten der Wirtschaftswunderjahre wieder hervorgekramt werden konnten. Alle hatten es eilig, die einen Gewinn zu machen und die anderen aus dem Osten näher an den Westen zu kommen.

Die jungen BUND-Landesverbände im Osten haben damals in einem Dauerzustand der Überforderung gearbeitet. Wir waren gewohnt, uns um die Umweltbelastungen zu kümmern, die man sehen, riechen und schmecken konnte. Politische Konzepte und Strukturen waren uns nicht vertraut. Die Instrumente, die ein Staat zur Einflußnahme auf Wirtschaft und Konsumverhalten hat, waren uns überhaupt nicht geläufig. Abfallpolitik hieß in der DDR Sero und jetzt war es ein Buch mit sieben Siegeln.
Dazu kam, daß wir zwar nach 5 oder 10 Jahren DDR-Umweltbewegung strategisch gelernt hatten, wie wir diesem DDR-Staat eine unberechenbare Kraft sein konnten, mit der man aber immer zu rechnen hatte. Aber die Instrumente der politischen Arbeit eines Umweltverbandes im Westen kannten wir genausowenig wie das neue politische System.
Ich erinnere mich an eine erste gemeinsame Sitzung der Bundesgeschäftsstelle mit den BUND-Landesverbänden im Osten, wo ich irgendwann völlig frustriert gefragt habe, was das ist, „Lobbyarbeit“, von der seit einer halben Stunde geredet wird.
Wir hatten zu lernen und zwar unter Zwang und waren deshalb wenig motiviert.

Die Überforderung war auch eine seelische. Gerade die, die lange vor der Wende für eine andere DDR gekämpft hatten, mußten jetzt wieder ran, waren aber nicht mehr gefragt. Keine Zeit, die Vergangenheit zu reflektieren, keine Zeit, sich intensiv mit den Machenschaften der Stasi zu beschäftigen.
Ja und selbst dort, wo Verbesserungen eintraten, waren die Umweltgruppen mit dem viel zu hohen ökologischen Preis für diese Verbesserungen konfrontiert. Nicht einmal das konnte gefeiert werden:

  • Die Flüsse wurden sauberer, aber gleichzeitig entstanden überdimensionierte Kläranlagen, teuer für die Bürgerinnen und Bürger, gewinnbringend für Baufirmen. An diesem Punkt haben die Leute ja Recht, wenn sie sagen, daß für Umweltschutz zuviel Geld ausgegeben wird.
  • Die Luft verlor ihren Schwefelgestank, und die Belastung durch die Verringerung des Braunkohleeinsatzes wurde aber neu belastet durch Zunahme von Stickoxiden mit dem zunehmenden Straßenverkehr.
  • Altlasten wurden zwar erfaßt und auch saniert, allerdings viel zu wenig Industriebrachen, so daß der Zuwachs an Gewerbe und Freizeitflächen hätte aufgehalten werden können.


Hinter der Fanfare vom Aufschwung Ost und der Litanei von den blühenden Landschaften haben wir den Großangriff auf die Grüngürtel der Städte, auf die Flußauen durch das Wasserstraßenprogramm, auf die Landschaften durch die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit, durch Autobahnbau und Schienentrassen, erlebt - ein Szenarium, das den Ländern weiter im Osten noch bevorsteht. Die Entwicklung der Umweltsituation ist allen hier bekannt, den einen aus den letzten 10 Jahren, den anderen aus den letzten 50 Jahren. Nur läuft das, was im Westen auf Jahrzehnte verteilt war, im Osten in einem atemberaubenden Tempo ab. Die Beschleunigungsgesetze für den Verkehrsbereich sind zum Symbol geworden. Sie sind die Kollision der 89er Forderung nach mehr Demokratie und der hastigen Angleichung Ost an West - notfalls mit weniger Beteiligung.

Und die neue Regierung hat diese Zumutung verlängert. 10 Jahre hatten die Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, wie die Entwicklung im Osten verlaufen ist. Rot/Grün in trauter Ignoranz ihres eigenen Koalitionsvertrages, in dem etwas von mehr Partizipation steht.

Unter dem Eindruck der Umweltentwicklung verblassen die Highlights, die es aber auch zu würdigen gilt: die Atommeiler in Greifswald, Reinsberg und Rossendorf sind abgeschaltet, das Atomkraftwerk in Stendal wurde nicht zu Ende gebaut. Der Uranabbau durch die Wismut wurde eingestellt. Und nicht zuletzt das Großschutzgebietsprogramm, mit dem einmalig große und viele Naturschutzflächen handstreichartig Stunden vor der Deutschen Einheit noch unter Schutz gestellt worden sind.

Die BUND-Landesverbände im Osten hatten Anfang der 90er Jahre kaum Erfolge, und es ist ein Wunder, daß sie nicht ganz nach Hause gegangen sind. Hier hat der BUND als Bundesverband seine Aufgabe erfüllt und auf allen Ebenen, vom Bundesverband, von den Landesverbänden und auch den Gruppen aus, seine Stärke bewiesen. Die angebotene Hilfe der West-Umweltbewegung war vermutlich das motivierendste Anfang der 90er Jahre. Viele Kontakte wurden geknüpft, die jetzt und im nächsten Jahr ihr 10jähriges Jubiläum feiern. Dafür ist Dank zu sagen. Ich will das nicht namentlich tun, damit würde zu vielen Unrecht geschehen, die nicht erwähnt würden, weil ich die vielen gar nicht kenne und weil wir viel Zeit bräuchten. Herzlichen Dank allen, die da geholfen haben.  

Die Situation der Ost-Landesverbände

Auch wir hatten die Hoffnung, daß entlang den Konfrontationen um Großprojekte auch diese kleinen Landesverbände größer und groß werden, so wie der BN an den zahlreichen Auseinandersetzungen um Straßenbauprojekte oder der BUND Hessen an dem Kampf um die Startbahn West gewachsen ist. Das hat sich nicht eingestellt.
Jetzt haben wir insgesamt immer noch nicht die Größe einer bayrischen Kreisgruppe erreicht. Wir sind - Berlin mitgerechnet - 8.400 Mitglieder, vor vier Jahren waren wir 5.000, immerhin.

Ich habe den Wunsch, daß die besondere Situation der Ost-Landesverbände im BUND verstanden wird, auch damit wir an dem Solifonds festhalten, nicht so lange wie möglich, aber solange wie nötig. Und das ist er, die Aufgabenfülle für die Ost-Landesverbände ist nicht mehr verschieden von der der größeren und westlichen Landesverbände. Die Befindlichkeiten und die soziale Situation ist aber anders und dazu möchte ich ein paar Sätze sagen:

  • Für die Menschen im Osten hat sich vor 10 Jahren alles, aber auch alles, geändert, von den Autokennzeichen bis zu den Speisekarten (mit denen ich heute noch nicht zurechtkomme), Ämter deren Namen wir zu lernen hatten, Sozialamt und Arbeitsamt, wo das Schlangestehen weiterging. Alles war neu. Das Ganze verbunden mit der existenziellen Unsicherheit, die es vorher nicht gegeben hat, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit waren Fremdwörter.
  • Die existenzielle Situation entspricht auch heute bei weitem noch nicht der im Westen. Viele Gehälter liegen immer noch bei 80%, manche bei 70%, und es muß mehr dafür gearbeitet werden. Die offizielle Arbeislosenrate ist doppelt bis dreifach so hoch wie in Westdeutschland. Es ist symptomatisch, daß die professionelle Haustürwerbung im Osten eben nicht funktioniert und die österreichischen Studentinnen und Studenten nach 3 Tagen aufgeben und eben dorthin gehen, wo die Abschlüsse sicher und höher sind.
  • Es darf auch nicht die Enttäuschung und Resgination auch 10 Jahre nach der Wende noch unterschätzt werden. Ich habe in dieser Woche Unterschriften für ein Volksbegehren „Mehr Demokratie in Thüringen“ gesammelt und da hört man da eben Sätze wie „Ich hatte einmal ein Vierteljahr lang Hoffnung, daß sich etwas ändert - danach nie wieder.“
  • Erschwerend für eine Entwicklung war auch, daß einige Landesverbände wie Mecklenburg und auch Sachsen-Anhalt schon nach 2,3 Jahren den ersten Generationswechsel vollziehen mußten. Das waren Landesverbände, wo sich alte Kulturbund-Kader festgesetzt hatten. Mit BUND hatte das nicht viel zu tun. Ich habe Hubert Weinzierl mehrfach die Anekdote erzählen hören, daß er bei einem Besuch in Sachsen-Anhalt ein damaliges Vorstandsmitglied fragte, warum denn keine Journalisten da seien und er zur Antwort bekam, daß „man lieber verdeckt arbeite“. Hier mußte aufgeräumt werden. Die DDR-Vergangenheit hatte sich in den BUND verlängert. Das hat gedauert und auch gelähmt. Die beiden Landesverbände sind nicht umsonst die kleinsten.
  • Aber der BUND hat allen Fusionsbestrebungen mit dem Kulturbund widerstanden. Wir hätten 5.000 Mitglieder mehr haben können. Da waren schon Treffen verabredet zwischen dem Bund für Natur und Umwelt, einer Nachfolgeorganisation des Kulturbundes der DDR, und dem BUND. Wir wollten das nicht. Das war undenkbar für uns, waren doch Kulturbund-Funktionäre als IMs gegen uns unterwegs gewesen.  
Erfolge

Aber es gibt auch Ansätze, Menschen für Natur und Umweltschutz zu gewinnen. Wer hätte das gedacht vor 10 Jahren, daß sich der Überdruß am Überfluß eher noch im Osten als im Westen thematisieren läßt. Die Ossis haben die Erfahrung der Wende den Menschen im Westen voraus, und sie haben in den letzten 10 Jahren erfahren, daß ein Mehr an Dingen nicht unbedingt glücklicher macht. Ich werde nie vergessen, wie nach einem Vortrag zum „Zukunftsfähigen Deutschland“ in einem Dorf eine Frau sagte: „Weihnachten 1990 war mein schönstes Weihnachten, da konnte ich meinen Kindern alle Wünsche erfüllen. Aber schon ein Jahr später habe ich mich nach einem einfacheren Weihnachten zurückgesehnt.“ Aus der Konfrontation einer Mangelgesellschaft mit einer pervertierten Konsumgesellschaft erwachsen Fragen. Ich lasse mir von niemandem diese Hoffnung ausreden, daß sich Menschen im Osten (oder sonstwo) für Dinge, die nicht ihr eigenes Haus und den eigenen Hof betreffen, bewegen lassen.

Mittlerweile können sich die Landesverbände im Osten auch Erfolge auf die Fahnen schreiben.

  • Denken wir an den Einlagerungsstop für Atommüll in Morsleben, den dieser lächerliche kleine Landesverband in Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Greenpeace auf dem Klageweg erreicht hat.
  • Der 13. Deutsche Nationalpark ist 8 Jahre nach der Wende in Thüringen ausgewiesen worden.
  • Das Grüne Band...
  • Schlagen wir nach in unserer Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“, da ist zu lesen von dem intelligenten Projekt, das Stadt und Land zusammenführen soll, wo Wasserwerke Geld geben an Bauern, damit sie umstellen auf ökologischen Landbau; das Modell ist in Leipzig realisiert.
  • Musterprozesse, die da geführt worden sind (von den skandalträchtigen einmal abgesehen)
  • Da gibt es Truppenübungsplätze, die wirksam vor dem Zugriff der Wirtschaft und der Bundeswehr verteidigt werden.
  • Endlose Auseinandersetzungen um Müllverbrennungsstandorte, wo der BUND schon vor Ort ist, bevor die Leute richtig eingeseift werden können.
  • Das Aus für die ICE-Trasse durch den Thüringer-Wald usw. usf.
  • Und das alles mit diesen wenigen Mitgliedern, mit wenig hauptamtlichen Kräften, aber mit viel Engagement, Phantasie und Kreativität. Im Osten ist viel probiert und unternommen worden, was den BUND insgesamt bunter gemacht hat, bereichert um Aktionspotential.


Der BUND ist aber auch lebendiger geworden jenseits aller Aktionen. Nur ein Beispiel von sicher sehr vielen: seit 10 Jahren trifft sich ausnahmslos jedes Jahr die BN-Ortsgruppe Holzkirchen und die Thüringische Ortsgruppe Hohenleuben. Da werden gemeinsam Biosphärenreservate besucht, Ausflüge ins Tschechische gemacht, die Biotope vor Ort angesehen. Das aber sind 89er Herbstzeitlose, aufgehoben im BUND.  

Jahresbericht 2020

Titelbild Jahresbericht BUND Thüringen 2020

Ein Rückblick darauf, welche Aufgaben schon angegangen wurden und welche Heraus-forderungen noch vor uns liegen.

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