"Autobahn und Gesundheit" - BUND Thüringen und Ökologischer Ärztebund stellen Broschüre zur Thüringer Wald-Autobahn vor

21. Mai 1995 | Mobilität, Umweltgifte

"Sollten die "Thüringer Wald-Autobahnen" gebaut werden, wird in der Region Suhl/Zehla-Mehlis das Krebsrisiko durch Dieselruß noch in zwei Kilometer Entfernung von der Trasse mehr als doppelt so hoch sein wie das vom deutschen Länderausschuß für Immissionsschutz als tolerabel bewertete Risiko. Die Stickstoffdioxidkonzentrationen werden, ebenso wie der Benzolausstoß, die Richtwerte deutlich überschreiten und zu einer erheblichen Ozonbelastung führen. Dies ist umso bedenklicher, als nunmehr begründeter Verdacht besteht, daß Ozon Krebsleiden begünstigt."

Zu diesem Ergebnis kommt der Suhler Mediziner Dr. Wolfgang Mey in einer Untersuchung über verkehrsbedingte Luftschadstoffe und ihre gesundheitlichen Auswirkungen im Zusammenhang mit der geplanten A 71/A 73 von Bamberg/Schweinfurt nach Erfurt. Die von Mey und weiteren Medizinern erarbeitete Studie ist Bestandteil einer vom Ökologischen Ärztebund e.V. herausgegebenen 80-seitigen Broschüre zum Thema "Autobahn und Gesundheit", die der Verband heute auf einer Pressekonferenz in Erfurt gemeinsam mit Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesvorstand Thüringen, vorstellte.

"Aus der Perspektive einer präventiven Verkehrsmedizin werden in den Beiträgen von Autoren ganz unterschiedlicher Fachrichtungen die enormen Gesundheitsgefahren dargestellt, die ein solcher Autobahnbau quer durch den Thüringer Wald bedeuten würde", so der Herausgeber und Mitautor der Broschüre, Dr. Rainer Gunkel vom Ökologischen Ärztebund.

Nach den Worten von Michael Spielmann, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen, ist dieses Thema derzeit "hochaktuell und von erheblicher Brisanz". "Der BUND hat als Einwender im derzeit laufenden Planfeststellungsverfahren für die Thüringer Wald-Autobahn erleben müssen, welchen geringen Stellenwert die zu erwartenden gesundheitlichen Belastungen der Anwohner im Rahmen der sogenannten Umweltverträglichkeitsprüfung besitzen. Es ist zu befürchten", so Spielmann, "daß diese Belange in der Abwägung gegenüber den Interessen der Autobahnlobby vernachlässigt werden". Der BUND Thüringen bereite sich deshalb bereits jetzt darauf vor, gegen eine solche "offensichtliche Fehlentscheidung" mit juristischen Mitteln vorzugehen.

Die Broschüre "Autobahn und Gesundheit" kann für 9,80 DM plus Porto über die Landesgeschäftsstelle des BUND Thüringen, Uferstraße 1, 99817 Eisenach sowie über den Ökologischen Ärztebund e.V., c/o Rainer Gunkel, Suhler Straße 109, 98528 Suhl-Goldlauter, bezogen werden.


Im Einzelnen enthält die Veröffentlichung die folgenden Beiträge:

Zunächst fordert der Thüringer Landesvorsitzende des DGB, Frank Spieth, das "Wirtschaften künftig stärker in regionalen Zusammenhängen" (S.8) zu organisieren. Anders gesagt: "Der Neubau von Verkehrstraßen sollte überregionale Verkehre verhindern."

Stefan Wolf, Philosoph aus Bamberg, stellt diese unsere Automobile Gesellschaft als "Prinzessin auf der Erbse" (S.10) dar, "die empfindlich und eingeschnappt ist, sobald das Thema `ökologische Umsteuerung des Verkehrs' konkretisiert werden soll." Er begründet aus umweltethischer Sicht die Ignoranz der "automobilen Bequemlichkeit", die nur für eine kleine Zahl von Menschen größtmöglichen Nutzen hat.

Die Zerschneidung des Thüringer Waldes und des Obermaintales durch eine Autobahn- und ICE-Trasse wird von Ralf Sikorsi (Suhl) und Bernd Bäuml (Lichtenfels) kritisiert. Diese Regionen mit dem "Heiligen Berg" und dem "Gottesgarten" würden regelrecht geopfert auf dem Altar kurzlebiger wirtschaftlicher und politischer Interessen.

Am Beispiel der Region Suhl-Zella-Mehlis arbeiten Dr.Dr. Mey (Suhl) sowie die Ärzte Thomas Kreisler (Rodach) und Dr.Marten Schrievers (Coburg) die Gesundheitsrisiken durch die geplante Autobahn heraus. So wird dar Krebsrisiko durch Dieselruß noch in zwei Kilometer Entfernung von der Autobahn mehr als doppelt so hoch sein wie das vom deutschen Länderausschuß für Immissionsschutz als tolerabel bewertete Risiko. Die Stickstoffdioxidkonzentrationen werden , ebenso wie der Benzolausstoß, die Richtwerte deutlich überschreiten und zu einer erheblichen Ozonbelastung führen. Dies ist umso bedenklicher, als nunmehr begründeter Verdacht besteht, daß Ozon Krebsleiden begünstigt.

Tal- und Gebirgslagen (wie Obermaintal, Suhl-Zella-Mehlis) bewirken eine ungünstigere Lärmausbreitung als in der Ebene. Dr. med. Klaus Rhomberg aus Innsbruck stellt die diesbezüglichen Ergebnisse der österreichischen "Transitverkehrsstudie" vor. Dauerschallpegel von über 55 dB(A), wie sie noch in 800 Meter Abstand von der Brennerautobahn meßbar sind, führen nachweislich u.a. zu Häufung von Angina pectoris, Ein- und Durchschlafstörungen, Konzentrations- und Leistungsstörungen, erhöhtem Medikamentenkonsum.

Maria Hilber aus Steinbach (Tirol) schildert die zerstörte Lebensqualität in Autobahnnähe:

  • statt versprochener Verkehrsentlastungen nahmen die innerörtlichen Verkehre noch zu
  • autobahnnahe Orte mußten ihr Prädikat als "Kurort" abgeben
  • häufig nötige Reparaturarbeiten führen zu vorher kaum bedachten Lärm- und Schadstoffbelastungen
  • Immobilien in Autobahnnähe sind wertlos geworden
  • Landwirtschafliche Produkte enthalten unzulässige Giftkonzentrationen
  • Das Wipptal um Steinach hat das vierzigfache Krebsrisiko im Vergleich zu ähnlichen Orten in Tirol ohne Autobahn
  • Allein im Thüringer Wald würden in etwa 70 Gemeinden ähnliche Verluste an Lebensqualität eintreten.

Daß Verkehr vermieden anstatt neu produziert werden kann, stellt Dr. med. Bernhard Aufderreggen, Präsident der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz der Schweiz, anhand der "Alpeninitiative" vor. In einer Volksabstimmung entschieden sich die Bürger der Schweiz dafür, den LkW-Transit durch die Schweiz innerhalb der nächsten 10 Jahre auf die Schiene zu verlagern. Dieser Weg ist für Land und Leute, Gesundheit und Leben fortschrittlich.
In Thüringen soll andersherum verfahren werden:

  • Anstieg des LkW-Transportes von 1988 bis 2005 auf 450%,
  • Rückgang der Schienentransporte auf die Hälfte.

Schließlich diskutierten Dr. Rainer Gunkel (Suhl) und Birgit Henkel (Untermaßfeld) die naheliegenden Alternativen. Der Mythos der "blühenden Landschaften" wird hinterfragt: Eine Autobahn stellt die regionale mittelständische Wirtschaft unter den Druck kapitalkräftiger auswärtiger Konkurrenz. Ansiedlungen von Industrie sind höchst zweifelhaft. Wahrscheinlicher sind durch die Autobahn begünstigte Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer.
Ein durchdachter Bundesstraßen-Ausbau bei konzeptioneller Einbindung des öffentlichen Personennahverkehrs und in Kombination mit angemessenen Schienenverkehrs-Lösungen macht Autobahn-Großprojekte überflüssig. Konzepte dieser Art sind schneller und billiger realisiert. Sie sind für den Transitverkehr wenig attraktiv und ermöglichen eine um vieles bessere regionale Erschließung.

"Autobahn und Gesundheit" - eine Autobahn ist nur dann "gesund", wenn sie nicht gebaut wird. Dies gilt unter dem Aspekt des Schutzes der körperlichen und seelischen Gesundheit ebenso wie unter den Aspekten der regionalen Wirtschaftsentwicklung, der Verkehrspolitik und der Ökologie. 

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