Lebensraum des Monats November: Naß- und Feuchtwiesen

06. November 1996 | Lebensräume, Naturschutz, Flüsse & Gewässer

Zum Lebensraum des Monats November hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Thüringen, die Seggen-, Binsen- und hochstaudenreichen Naßwiesen und nicht intensiv genutzten Feuchtwiesen erklärt.
Diese gehören zu den nach § 18 des Vorläufigen Thüringer Naturschutzgesetzes "besonders geschützten Biotopen". Sie waren früher in den Flußauen und Niederungen weit verbreitet.
Infolge Entwässerung, Ackernutzung, Grünlandintensivierung sowie infrastruktureller Erschließung wurden solche Wiesen weitgehend verdrängt und sind heute nur noch in Resten in geschützten Gebieten zu finden.

Gehölzarme und gehölzfreie Naß- und Feuchtwiesen sind durch großen Artenreichtum gekennzeichnet und meistens durch extensive Mahd oder Beweidung entstanden. Hier kommen u.a. Gräser, grasartige Pflanzen und Stauden auf nassen und wechselnassen Standorten vor. Die Feldschicht wird z.B. von Seggenarten, Binsenarten, Waldsimse, Pfeifengras, Trollblume, Wiesenschaumkraut und Wolligem Honiggras gebildet. Bei vorhandener teilweiser Gehölzbestockung dominieren Erle und Faulbaum.

Beispiel: Feuchtgebiet "Am Böhmen" bei Bad Langensalza
Zum heutigen Zeitpunkt stellt sich das Thüringer Becken als weiträumig ausgeräumte Landschaft mit intensiver Landwirtschaft dar. Feuchtgebiete wurden bis auf minimale Reste trockengelegt, Gräben verrohrt, Hecken beseitigt und Kopfweiden- und Streuobstalleen abgeholzt.
In Anbetracht des Aufrufes der Umweltkommissarin der EU Ritt Bjerregaard an alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die Zerstörung von Feuchtgebieten zu stoppen und neue zu schaffen, wurde als erstes Teilprojekt einer großräumigeren Renaturierung im Jahr 1994 vom Landschaftspflegeverband "Unstrutaue" e.V. (LVU) eine Fläche in der Unstrutaue bei Bad Langensalza im Unstrut-Hainich-Kreis von der Stadt angepachtet und mit der Renaturierung begonnen.
Es handelt sich um ein ca 20 Hektar großes Ackerstück nordwestlich von Bad Langensalza. Der LVU hat verschiedene Gestaltungsmaßnahmen durchgeführt und eine Wiedervernässung der Fläche eingeleitet. Schon wenige Tage nach Abschluß der Arbeiten im September 1994 war ein deutlicher Anstieg der Grundwasserstände zu beobachten, und ein Altarm der Unstrut füllte sich mit Wasser. Mit Beginn der stärkeren Herbstregenfälle entwickelte sich die Fläche in kurzer Zeit zu einem ausgedehnten Feuchtgebiet.

Inzwischen hat sich die Fläche zu einem Feuchtwiesen-Flachwassergebiet mit etwa 14 Hektar Feuchtgrünland und ca 6 Hektar Flachwasserzone entwickelt.
Es haben sich "Am Böhmen" viele die Feuchtigkeit liebende Pflanzen und Tiere angesiedelt, andere nutzen den Lebensraum auch als Nahrungsgebiet. Als herausragendes Beispiel sei der Weißstorch genannt, der nach 35 Jahren 1995 erstmalig wieder im Gebiet brütete. Das Brutpaar hat sowohl im vergangenen als auch in diesem Jahr jeweils drei Junge erfolgreich aufgezogen. Weißstörche nutzen Naß- und Feuchtwiesen ausgiebig zur Futtersuche.
Im Pflanzenreich konnten 1996 bereits wieder über 30 z.T. recht seltene Arten nachgewiesen werden.

Die beschriebene Neuschaffung eines Feuchtgebietes zeigt in beeindruckender Weise, wie mit etwas Mut und Initiative zur Unterstützung der Natur diese die Hilfe dankbar annimmt und in kürzester Zeit aus einer öden Agrarsteppe einen vielfältigen Lebensraum erstehen läßt.
Die Erfahrungen aus diesem Projekt sollten allen engagierten und interessierten Personen und Vereinen Aufruf und Ansporn sein, ähnliches in ihrem Lebens- und Wirkungsbereich zu versuchen. 

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