Rechtzeitig zum Planfeststellungsverfahren zur Trinkwassertalsperre Leibis im Thüringer Schiefergebirge legt ein von BUND Thüringen und kooperierenden Verbänden beauftragter Gutachter eine umfangreiche Stellungnahme zu den bisherigen offiziellen Prognosen des künftigen Trinkwasserbedarfs von Thüringen und speziell auch von Ostthüringen vor. Damit finden die bereits in der Vergangenheit vom BUND geäußerten Zweifel an den Wasserbilanzen der Thüringer Landesanstalt für Umwelt (TLU) und deren Gutachter eine eindrucksvolle Bestätigung. Mit der heute von BUND und Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellten Kurzfassung des Gutachtens soll den Thüringer Landespolitikern in plausibler Form Argumentationsmaterial gegen den Weiterbau der Talsperre Leibis in die Hände gegeben werden.
Das von Diplom-Geograph Walter Pfeifer aus Frankfurt/Main verfaßte Gutachten kritisiert die falschen Bevölkerungsprognosen der TLU und die mit 221 Liter pro Einwohner und Tag stark überzogenen Ansätze zum Wasserbedarf im Jahr 2025. In dem von BUND und Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellten Gutachten werden hingegen die deutlich abweichenden, aber plausiblen Bevölkerungsprognosen des Thüringer Landesamtes für Statistik (TLS) aus dem Jahre 1994 zugrunde gelegt. Anhand von jeweils drei Szenarien wurde der Wasserbedarf für die Verbrauchergruppen Haushalte und Kleingewerbe, öffentlicher Bedarf sowie Industrie und Landwirtschaft ermittelt. In der günstigsten Variante wird ein Gesamtwasserbedarf an Trinkwasser von ca 130 Liter pro Einwohner und Tag - einschließlich Eigenbedarf der Wasserversorgungsunternehmen und Verluste - für 2025 angenommen. Diese Prognose wird durch die bisherige Entwicklung des Wasserbedarfs in Thüringen sowie durch den rückläufigen Bedarf in der gesamten Bundesrepublik gestützt.
Während die TLU - deren Prognosen im Planfeststellungsverfahren zu Leibis als Bedarfsnachweis übernommen wurden - von einem mittleren Gesamtbedarf an Trinkwasser von ca 670.000 Kubikmeter pro Tag im Jahr 2025 ausgeht, wird von Walter Pfeifer schlüssig nachgewiesen, daß bei der günstigsten Variante nur etwa 340.000 Kubikmeter Trinkwasser pro Tag in Thüringen benötigt werden. Auch die anderen Variantenberechnungen weisen nach, daß weniger als 500.000 Kubikmeter pro Tag zur Versorgung notwendig sein werden. Die Berechnungen zeigen auch, daß die bestehenden Wasserversorgungsanlagen in Thüringen im Jahr 2025 nur zwischen 40 und 50 Prozent ausgelastet sein werden. Auch für Ostthüringen bestehen mit der bereits vorhandenen Versorgungsstruktur mittel- bis langfristig keinerlei Versorgungsprobleme.
Nach Ansicht von Pfeifer ist damit nachgewiesen, daß es keinen Bedarf für den Bau der Trinkwassertalsperre Leibis gibt. Ein weiterer Ausbau der Fernwasserversorgung hätte zudem gravierende Nachteile für die lokalen Wasserversorgungsunternehmen, welche zwangsweise teures Fernwasser beziehen und ihre eigenen Wassergewinnungsanlagen schließen müßten. Dies könnte auch zur Konsequenz haben, daß keine Notwendigkeit zum Schutz der lokalen Grundwasserressourcen mehr gesehen wird und damit leichtfertig ein wesentliches Element der Daseinsvorsorge aufs Spiel gesetzt würde.
Walter Pfeifer weist weiter darauf hin, daß der Bau der Talsperre Leibis auch gravierende Auswirkungen auf den Wasserpreis haben wird. Bei dem angestrebten Vollausbau würde auf der Basis der vorliegenden offiziellen Kostenschätzungen mit einem Rohwasserentgelt von ca 1,70 DM pro Kubikmeter zu rechnen sein. Die Weitergabe dieses hohen Rohwasserpreises an die Verbraucher wird nach Pfeifer politisch kaum durchsetzbar sein. Damit kommt der Freistaat Thüringen in die Zwangslage, den Wasserpreis mit mehr als 1 DM pro Kubikmeter massiv und langfristig stützen zu müssen. Auf den Landeshaushalt würden demnach jährliche Belastungen in der Größenordnung von ca 40 Millionen Mark für die Subventionierung des Wasserpreises und zusätzlich zwischen 20 und 25 Millionen Mark für hoheitliche Aufgaben, z.B. Hochwasserschutz, zukommen. Von Pfeifer wird bezweifelt, daß sich die politischen Entscheidungsträger dieser finanziellen Dimension bewußt sind. BUND Thüringen und die Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen fordern daher von der Landesregierung einen sofortigen Planungs- und Baustopp. Hingegen sollte die bereits bestehende Vorsperre Deesbach zunächst weiterhin zur Trinkwasserversorgung genutzt und mittelfristig zu einem Hochwasserrückhaltebecken umgebaut werden.
Diplom-Geograph Pfeifer fordert auch, daß dringend eine konsensfähige Strategie für die Wasserversorgung in Thüringen entwickelt werden muß. Hierzu sollte eine fachlich fundierte Trinkwasserprognose und eine zukunftsorientierte Wasserpolitik in einer offenen Zusammenarbeit mit den lokalen und regionalen Wasserversorgungsunternehmen sowie unter Einbeziehung und Beteiligung unabhängiger Fachleute und der Öffentlichkeit erarbeitet werden.
Pfeifer geht davon aus, daß dem von BUND und Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellten Gutachten im laufenden Planfeststellungsverfahren zu Leibis eine zentrale Rolle zukommen wird. "Wenn die Thüringer Talsperrenverwaltung als Antragstellerin den Bedarf für die Talsperre nicht zweifelsfrei nachweisen kann, so ist diese auch nicht genehmigungsfähig", sagte Pfeifer. Er drückte seine Hoffnung aus, daß bereits an diesem wichtigen Punkt die Planung von Leibis scheitern wird.


