Inmitten des Thüringer Waldes, im Naturraum "Hohes Thüringer Schiefergebirge", findet sich das einzigartige SchwarzataI. Als längstes Fließgewässer im Thüringer Wald hat sich die etwa 45 Kilometer lange Schwarza noch weithin naturnahen Charakter bewahrt. Sie schlängelt sich tief eingeschnitten durch das westliche Thüringer Schiefergebirge. Als wasserreiche Gebirgsbäche fließen ihr Masse, Ölze, Breitenbach und Rinne von Westen, Katze, Lichte und Sorbitz von Osten und Süden zu. Im Schwarzatal und seiner unmittelbaren Umgebung haben sich Siedlungen entwickelt, in denen zum Teil jahrhundertelang Gewerbe und Kleinindustrie betrieben wurden und die heute zunehmend touristische Ziele sind. Zu nennen wären u.a. die traditionsreichen Glasbläserorte Katzhütte, Großbreitenbach und Oberweißbach, desweiteren Scheibe-Alsbach, Schwarzmühle, Glasbach, Sitzendorf, das einmalig schöne Schwarzburg, über dem auf einem Talsporn das Stammschloß des gleichnamigen gräflichen Herrschergeschlechts liegt, der 800 Meter hoch gelegene Kurort Masserberg sowie die am Rennsteig, dem Höhenweg des Thüringer Waldes gelegene ehemalige Kreisstadt Neuhaus, die seit der Thüringer Gebietsreform im Jahre 1994 zum Kreis Sonneberg gehört.
Die Schwarza bietet in ihrer Aue und an den Hängen vom Quellgebiet bei Scheibe bis in das Durchbruchstal bei Schwarzburg vielfältige Reize. Im oberen Schwarzatal verläuft eine beliebte Wanderroute mit reizvoller Umgebung und einer abwechslungsreichen Pflanzen-und Tierwelt. Während in den deutschen Mittelgebirgen mittlerweile fast alle nicht besiedelten Flußtäler mit Talsperren verbaut wurden, ist das Schwarzatal als einer der letzten noch naturnahen Gebirgsflußräume erhalten geblieben.
Einheimische sagen von ihrem idyllischen oberen Schwarzatal geradezu verliebt: "Hier ist es wie im Schwarzwald!" Der Betrachter, der am Aussichtspunkt neben der Schutzhütte am Rollkopfbei Neuhaus oberhalb des Schwarza-Quellgebietes steht und seinen Blick über den Stausee Scheibe-Alsbach hinweg in die Ferne und auf die Gipfel des Bleß, des Großen Farmdenkopfes und des Kieferle schweifen läßt, kann dies nur allzu entzückt bestätigen.
Doch diese Idylle ist akut gefährdet: An der unteren Lichte, nahe ihrer Einmündung in die Schwarza bei Unterweißbach, ist der Bau der Talsperre Leibis geplant, benannt nach dem Ort, der bis auf ein einziges Haus abgerissen wurde und zukünftig überstaut werden soll. Gestützt auf Genehmigungen aus DDR-Zeiten sind weite Teile der Talflanken bereits entwaldet. Anfang November 1996 wurde für diese Trinkwassertalsperre, die zu den größten in Mitteleuropa zählen würde, nun das Planfeststellungsverfahren nach bundesdeutschem Recht eröffnet. Trotz der bereits erfolgten, unübersehbaren Eingriffe in Natur und Landschaft ist also noch offen, ob das Projekt am Ende tatsächlich genehmigt wird und die notwendigen öffentlichen Gelder zum Bau bereitgestellt werden.
Noch konkreter und weiter vorangeschritten ist die Planung für den in der Nähe der kleinen Gemeinde Goldisthal beabsichtigten Bau einer weiteren Talsperre. Hierbei geht es aber nicht um die Versorgung mit Trinkwasser, sondern um den Bau eines Pumpspeicherwerkes. Solche Anlagen dienen zum "Speichern" von Elektrizität, indem zu Zeiten mit niedrigem Strombedarf mittels Strom aus dem Verbundnetz Wasser in das Oberbecken gepumpt und in Spitzenbedarfszeiten über Turbinen wieder herabgelassen wird. Dabei können nur etwa 60 -80 Prozent der beim Hochpumpen aufgewandten Energie zurückgewonnen werden.
Wie die Talsperre Leibis gehört auch dieses Projekt .zu den "unvollendeten Großbauten des Sozialismus". Die Anfänge reichen bis in die 60er Jahre zurück, als beabsichtigt war, im Raum Weimar/Jena ein Kernkraftwerk aus sowjetischer Produktion vom Typ "Schneller Brüter" zu betreiben. Mit ersten bergmännischen Arbeiten zur ingenieurgeologischen Erkundung sowie mit Straßenbauarbeiten wurde 1974 begonnen, aus Geldmangel wurde der Bau jedoch 1980 eingestellt.
Kaum jemand hätte gedacht, daß die Verwirklichung dieses Projektes nach dem Ende der DDR erneut ins Haus stehen würde. Gestützt auf die aus den 60er Jahren stammenden Gutachten und Stellungnahmen, die unter den damaligen Bedingungen diesen Standort favorisierten und Alternativen z.T. im Hinblick auf deren Nähe zur damaligen deutsch-deutschen Grenze per se ausschlossen, will nun die Vereinigte Energiewerke AG (VEAG) das Pumpspeicherwerk Goldisthal an dieser Stelle errichten. Die VEAG begründet ihr Vorhaben mit der "Bereitstellung elektrischer Spitzenenergie von ca. 1060 MW auf der Grundlage der Wasserkraftnutzung", der "Sekundärregelung im Verbundnetz der VEAG sowie Ausregeln der Lastflanken", der "Verringerung der Übertragungsverluste", der "Bereitstellung der Minutenreserve für den Ausfall großer Kraftwerksblöcke im Verbundnetz" und dem "Wiederaufbau des Netzes nach einem Netzzusammenbruch ...". Das Fassungsvermögen des Unterbeckens soll ca. 18,9 Millionen Kubikmeter betragen. Das Oberbecken soll auf dem Plateau des "Großen Farmdenkopf', mit 869 Metern höchster Gipfel des Thüringer Schiefergebirges, ausgehoben werden.
Während die bis 1980 erfolgten Eingriffe in die Natur in den letzten Jahren weitgehend "vernarbt" sind und sich anstelle des gerodeten Fichtenbestandes mittlerweile naturnahe Sukzessionsflächen finden, die sich zu wertvollen Biotopen entwickeln können, drohen nun noch sehr viel weitreichendere Zerstörungen. Neben der direkten Inanspruchnahme von rund 150 Hektar naturschutzfachlich überwiegend sehr wertvollen Flächen für Ober-und Unterbecken, Baustelleneinrichtungen und Aushublagerstätten ist es vor allem der durch den Pumpspeicherbetrieb zu erwartenden Eingriff in das Fließgewässersystem der Schwarza.
Die natürliche Dynamik dieses Gebirgsflusses, die sich gerade im Wechsel seines Wasserdargebotes zeigt, die die Vielfalt seiner Biotope mit artenreicher Tier-und Pflanzenwelt bedingt und seinen Charakter als ungemein belebendes Landschaftselement ausmacht, würde durch den Bau des Pumpspeicherwerkes und seiner Staustufen nachhaltig beeinträchtigt.
Ebenfalls in sehr starkem Maße betroffen wäre auch das unmittelbar an das geplante Oberbecken angrenzende Naturschutzgebiet "Wurzelbergfarmde", welches sich durch seine Abgeschiedenheit und die Größe des zusammenhängenden Waldgebietes auszeichnet und von besonderer floristischer und faunistischer Bedeutung ist. So finden sich hier Auerhuhn und Waldschnepfe, Grauspecht, Grünspecht, Schwarzspecht, Sperlingskauz, Habicht, Rauhfußkauz, Hohltaube, Großer Abendsegler, Waldeidechse, Blindschleiche und viele andere Arten.
Obwohl keine Flächen innerhalb dieses Naturschutzgebietes direkt bebaut werden sollen, sind bereits durch den jahrelangen Baubetrieb mit Sprengungen und Baustellenverkehr, aber auch durch den Betrieb des Pumpspeicherwerkes starke und dauerhafte Schädigungen zu erwarten. Dies gilt vor allem für den dort zu findenden Bestand des Auerhuhns (Tetrao urogallus), das in der Roten Liste Thüringens in der Kategorie 1 ("vom Aussterben bedroht") geführt wird und nach Angaben von Experten das einzige längerfristig erhaltbare Vorkommen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist. Seit der Einstellung der Bau-und Erkundungsarbeiten im Jahr 1991 hatte sich der auf Grund von Rodungen und Sprengungen praktisch erloschene Bestand wieder erholen können. Zu befürchten ist nun, daß durch den Bau des Pumpspeicherwerkes die jetzt vorhandene Population erneut und endgültig vertrieben würde. Eine natürliche Wiederbesiedlung ist auch nach Abschluß der Bauarbeiten nicht zu erwarten, da die Reproduktionskraft der Thüringer Restpopulation dazu wohl nicht mehr ausreicht. Vor allem durch Besucherverkehr im Bereich des Oberbeckens ist eine dauerhafte Beeinträchtigung des Standortes zu erwarten.
Wie das Schwarzatal ist auch das Naturschutzgebiet "Wurzelbergfarmde" von Seiten der Bundesregierung gegenüber der Kommission der Europäischen Union als "Gebiet mit besonderer Bedeutung für den Schutz wildlebender Vögel" benannt worden.
Da der Bau des Pumpspeicherwerkes nach Ansicht des BUND mit dem Schutzziel der "Vogelschutzrichtlinie" unvereinbar wäre, hat der Umweltverband bereits im Januar 1996 "wegen Verstoßes gegen Gemeinschaftsrecht" eine Beschwerde an die Kommission der Europäischen Union (EU) gerichtet. "Doch bis auf eine kurze Eingangsbestätigung und die Vergabe einer Bearbeitungsnummer haben wir bislang aus Brüssel keinerlei Reaktion erhalten", so der Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen, Michael Spielmann. Auch die Forderung des BUND, das Thüringer Landesverwaltungsamt hätte im Planfeststellungsverfahren eine Stellungnahme der EU-Kommission einholen müssen, wurde von der Genehmigungsbehörde als "nicht erforderlich" zurückgewiesen.
Nachdem auch der förmliche Widerspruch des BUND Thüringen gegen das Pumpspeicherwerk – wie schon der größte Teil der Einwendungen der Naturschutzverbände im Anhörungsverfahren – zurückgewiesen wurde, hat der Umweltverband inzwischen gegen den Ende März ergangenen Planfeststellungsbeschluß Klage beim Verwaltungsgericht Meiningen erhoben. Begründet wird dieser Schritt mit den schwerwiegenden und nicht ausgleichbaren Eingriffen in Natur und Landschaft, mit fehlenden Standortalternativen und insbesondere mit dem fehlenden energiewirtschaftlichen Bedarf für das Pumpspeicherwerk.
"In den neuen Bundesländern sind bereits Pumpspeicherwerke mit 1682 MW in Betrieb. Diese Pumpspeicherleistung ist mehr als ausreichend, um die Netzsicherheit und die anderen Nutzziele zu gewährleisten. Offensichtlich wird dies anhand des Vergleichs mit dem Stromverbundnetz Westdeutschlands. Etwa 4 Prozent der Gesamtleistung der westdeutschen Kraftwerke sind Speicher-und Pumpspeicherwerke. Würde Goldisthal realisiert werden, würde der Anteil an Pumpspeicherleistung in den neuen Bundesländern von derzeit 9 auf 14 Prozent steigen. Die Erforderlichkeit für die somit im Vergleich zu den alten Bundesländern dreieinhalb mal so hohe Absicherung der Netzsicherheit in den neuen Bundesländern wird an keiner Stelle nachgewiesen oder überhaupt vorgetragen", heißt es im Widerspruch des Umweltverbandes gegen den PIanfeststellungsbeschluß unter anderem.
Das politische Argument der PSW-Befürworter, mit dem Projekt würden Arbeitsplätze geschaffen, beurteilt der BUND als äußerst fragwürdig. "Um den Bau des PSW Goldisthal überhaupt zu rechtfertigen, müssen Kapazitäten stillgelegt werden, die bislang genau die Spitzenleistungen erbringen, die das geplante Vorhaben in Zukunft liefern soll", so im Widerspruch des BUND. Von der Stillegung betroffen wären u.a. Gasturbinenwerke in Grimmenthal, Gera und Erfurt. Am Rande sei bemerkt, daß die VEAG seit der Wende ihre Stellen von etwa 28.000 auf 12.000 reduziert hat, weiterer Stellenabbau sei geplant.
Der Thüringer Wald, das "Grüne Herz Deutschlands", droht mit weiteren Großprojekten wie der "Thüringer-Wald-Autobahn" und ICE-Strecke Erfurt-Nürnberg, beides milliardenteure Prestige-Vorhaben, zum Transitkorridor und zur Spielwiese ausschließlich kurzsichtiger wirtschaftlicher Interessen degradiert zu werden. Für den BUND und seine Verbündeten ein weiterer Grund, sich im Kampf gegen die Verschandelung und Vernichtung von Lebensräumen nicht entmutigen zu lassen.


